Christoph Hartmann

Interview mit dem Finanzjournalisten Christoph Hartmann

Finanzjournalisten informieren über Ereignisse in der Finanzwelt und erklären Zusammenhänge. Langeweile kommt in diesem Beruf selten auf, wie das folgende Interview mit Christoph Hartmann zeigt.

Herr Hartmann, Sie sind selbständiger Finanzjournalist. Was sind die Aufgaben eines Finanzjournalisten? Wie kann man sich die Tätigkeit vorstellen?

Hartmann: So wie ein Reisejournalist über Aufenthalte in fernen und nahen Ländern berichtet, oder ein Modejournalist über den letzten Schrei der Haute Couture, so befasst sich ein Finanzjournalist mit der Entwicklung des Finanzmarktes. Das klingt zuerst einmal sehr trocken und langweilig. Aber gute Finanzberichterstattung besteht ja nicht primär darin Börsenkurse abzuschreiben – „Der Kurs der Aktie X ist gestern um 3,22 % angestiegen" –, sondern Ereignisse in ihren Zusammenhängen zu erklären. Und dann fließt in eine kurze Meldung ein, dass der Kursanstieg der Aktie X zurückzuführen sei auf die Entscheidung der US-amerikanischen Notenbank die Zinsen zu senken, auf die Entdeckung neuer Rohstoffvorkommen in Afrika und auf Markterfolge des Unternehmens in Indien.

Da die Märkte weltweit vernetzt sind, kommt der Finanzjournalist mehr in der Welt herum – zumindest virtuell – als der aktivste Reisejournalist. Und da Marktentwicklungen auf den Finanzmärkten viel mit Stimmungen zu tun haben, und diese Stimmungen rasch umschlagen können, muss er sich mehr mit neuen Modeströmungen befassen als der Modejournalist. Trocken und langweilig ist Finanzjournalismus also keinesfalls.

Börsen und Aktien, Fonds und Anleihen, Indexcharts und Kurszettel sind für die meisten Menschen sehr fremd. Aber gleichzeitig wissen sie, dass es bei diesen Themen um ihr eigenes Geld geht. Finanzjournalismus hat die Aufgabe diese fremde Welt den Medienkonsumenten näher zu bringen.

Wie sieht normalerweise Ihr Tagesablauf aus?

Hartmann: In den Nacht- und Morgenstunden, bevor das Telefon zu läuten anfängt weil auch andere an ihren Arbeitsplätzen sitzen, hat man als Journalist die ruhigste Zeit um längere Artikel oder Broschüren fertig zu stellen. Insbesondere wenn Fertigstellungstermine näher rücken kann es sein, dass ich schon sechs Stunden an meinem Schreibtisch sitze, wenn in den anderen Büros die Lichter angehen. Daraus ergibt sich oft ein ziemlich verrückter Tagesablauf.

Möglichst am frühen Vormittag informiere ich mich über aktuelle wirtschaftliche und politische Entwicklungen aus aller Welt; heute praktisch ausschließlich über das Internet. Wenn ich bei Redaktionssitzungen oder anderen Terminen bin, ist dann oft den Rest des Tages „Schreibpause“; ansonsten teilt sich der Tag auf in Recherche (im eigenen Archiv, im Internet, am Telefon, usw.) und Schreiben.

Ich habe bereits als Finanzjournalist gearbeitet, bevor das Internet in alle Büros eingezogen ist und alle Schreibtische erreicht hat. Mein Arbeitsalltag hat sich durch das Internet massiv verändert: Ich komme viel weniger herum – und habe dennoch die weit besseren Informationen. Viel Zeit kostet aber die im Internet reichlich vorhandene Information zu suchen und finden, auszuwählen und anhand anderer Quellen auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Welche Voraussetzungen bzw. Fähigkeiten sollte man mitbringen, um diesen Beruf ausüben zu können?

Hartmann: Letztlich lässt sich alles erlernen, eine „angeborene“ Voraussetzung oder Fähigkeit ist nicht notwendig. Aber bereits wenn man den ersten kleinen Artikel schreibt, der irgendwo im hinteren Teil einer unbedeutenden Zeitung erscheint, sollte man über breites Wissen über Finanz- und Kapitalmärkte, Volkswirtschaft und Unternehmensfinanzierung verfügen; im Regelfall wohl durch ein einschlägiges Studium. Man darf auch nie aufhören sich weiterzubilden, was sicher leichter fällt, wenn man selbst großes Interesse an finanzmarktbezogenen Themen hat.

Nicht immer einfach ist der Umgang mit den teilweise doch chaotischen Tagesabläufen, vor allem knapp vor Redaktionsschluss beziehungsweise Produktion. Wenn man wie ich selbständiger Journalist ist, hat man immer Sehnsucht nach dem geordneten Chaos einer festen Redaktion; wenn man – wie ich es früher war – in einer Redaktion tätig ist, dann wünscht man sich das selbstbestimmte Chaos des freien Journalisten herbei.

Mit Sprache umgehen zu können schadet nicht und zumindest irgendwann einmal Freude am Schreiben gehabt zu haben ist auch kein Nachteil. Schließlich muss man damit zurechtkommen, dass man immer über viel mehr Geld schreibt als man selbst je mit diesem Beruf verdienen kann.

Gibt es Anforderungen, die ein Bewerber auf jeden Fall erfüllen muss?

Hartmann: Man muss neugierig sein und die Zahlen hinter den allgemein bekannten Zahlen und die Fakten hinter den offensichtlichen Fakten kennen wollen. Nur dann wird man in der Lage sein, die Fragen der Leser, Hörer oder Seher zu beantworten.

Vielen Dank für das Gespräch!