Mag. Paul Severin, Vorstandsmitglied ÖVFA, Investment Communications Erste Asset Management

Die Volkswirtschaften in Zentral- und Osteuropa entwickeln sich sehr uneinheitlich. Unterschiedliche Geldpolitiken, politische Risiken (Ukraine-Konflikt) und ein fallender Ölpreis sind die Hauptgründe dafür.

Die uneinheitliche Entwicklung kann an den verschiedenen Börsenbarometern abgelesen werden. Während sich in diesem Jahr die Börsenplätze in Polen und Tschechien mehr oder weniger ähnlich wie Westeuropa entwickelt haben, rutschten die Indizes in Österreich und Ungarn deutlich ins Minus. Der russische Aktienindex verlor sogar mehr als ein Drittel an Wert. Nur die Aktienbörse der Türkei kann sich deutlich abheben und in Euro gerechnet mit einem Plus von über 30 % sogar etwas mehr als die US-Börsen (+ 25,6 %) zulegen.

Wachstumsausblick in CEE moderat positiv

Die schwache Performance der Aktienbörsen in CEE (ohne Russland und Türkei) ist vielfach auf Befürchtungen zurückzuführen, dass sich die Wachstumsraten deutlich eintrüben könnten. Die letzten Wirtschaftsdaten (Q3 2014) zeigen, dass sich die Region trotz Ukrainekonflikt relativ gut entwickelt, und auch Deutschland als großer Wachstumsmotor in Europa scheint Schlimmeres abwenden zu können. Die Entwicklung Deutschlands ist für diese Länder ein entscheidender Faktor.

BörsenplatzIndexPerformance in EUR
seit Jahresbeginn 20141
ÖsterreichATX-Index- 15,42 %
PolenWIG-Index- 2,60 %
TschechienPrague SE- 4,71 %
RusslandMICEX-Index- 34,79 %
UngarnBSE-Index- 16,24 %
RumänienBucharest-BET+ 6,15 %
TürkeiISE 100+ 30,04 %
USAS&P 500 Index+ 25,56 %
JapanNikkei+ 6,53 %
Hong KongHang Seng Index+ 12,52 %

Quelle: Bloomberg; 1.1.2014 bis 22.12.2014

Sondersituation Russland

Russland steht derzeit von internationaler Seite her unter massiver Beobachtung. Aufgrund der Krise in der Ukraine verlangen die Marktteilnehmer eine erhebliche Risikoprämie. Vergleicht man die Bewertung der russischen Börse auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses mit dem durchschnittlichen Niveau aus der Vergangenheit, beträgt diese bereits rund 40 % (Basis Gewinnerwartungen für 2014).

Die Experten der Erste Asset Management erwarten für Russland für 2015 eine deutliche Rezession mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von um die vier Prozent. Vor diesem Hintergrund dürften Aktieninvestoren, die sich in Russland engagieren, vor allem auf Exporteure fokussieren, während reine Inlandsaktien ein schwieriges Jahr vor sich haben. Den entscheidenden Einfluss auf den weiteren Kursverlauf hat naturgemäß der Ölpreis. Bei einer weiteren Abschwächung wird erwartet, dass der Druck auf den Rubel (so wie auf alle Ressourcenwährungen) andauern wird. Umgekehrt könnte eine Lösung des jetzigen Konflikts zu einer raschen Trendumkehr führen. Das Umfeld ist also sehr spekulativ.

Die Türkei wird vom fallenden Ölpreis profitieren

Während Russland unter dem fallenden Ölpreis leidet, erwarten die Investmentexperten der Erste Asset Management einen positiven Einfluss auf den türkischen Aktienmarkt. Wenn die Inflation durch den sinkenden Ölpreis nachlässt, könnte die türkische Zentralbank darüber nachdenken, die Zinsen von ihrem aktuellen Niveau von 8,25 Prozent zu senken, wovon auch der Aktienmarkt profitieren könnte. Die Bewertung der türkischen Börse ist trotz der sehr guten Performance im Jahr 2014 nicht überteuert.

Risiken durch US-Geldpolitik, Ölpreis und regionale Krisen

Die Türkei konnte in diesem Jahr von den fallenden globalen Anleihenrenditen profitieren. Auch andere Aktienbörsen wurden von dieser Entwicklung unterstützt (Ausnahme war Russland aus den genannten Gründen). Im Konsens wird erwartet, dass die US-Notenbank Fed mit einer Erhöhung der Zinssätze Mitte 2015 beginnen könnte. Ein starker Anstieg der Anleiherenditen und das Auflösen von möglichen spekulativen Positionen ("carry-trades") könnte besonders die Türkei treffen. Russland bleibt weiterhin sehr volatil und immer wieder von kurzfristigen Spekulationen beeinflusst. Neben exogenen Faktoren wie den Ölpreis sind es vor allem politische Faktoren die das Gesamtrisiko beeinflussen.

Ausblick vorsichtig moderat

Die Experten der Erste Asset Management und des Erste Group Research gehen davon aus, dass sich die Aktienbörsen in Osteuropa 2015 gut entwickeln werden, sehen aber derzeit keine Chance auf Outperformance gegenüber Gesamt-Westeuropa. Polen könnte positiv überraschen, die Türkei sollte von einem anhaltend fallenden Ölpreis profitieren. Eine mögliche Lösung des Ukraine-Konflikts würde für die gesamte Region eine riesige Erleichterung darstellen – diese ist aber derzeit nicht in Sichtweite.


Autor:
Mag. Paul Severin
Vorstandsmitglied ÖVFA
Investment Communications Erste Asset Management
7. Jänner 2015

Erste Asset Management
ÖVFA - Österreichische Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management

Hinweis

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