Wiener Börse News

Marktanalyse: Stimmung versus Konsensus

Henning Eßkuchen

Man mag es als einen Erfolg werten, dass die USA und Iran überhaupt den Weg an den Verhandlungstisch gefunden haben. Derzeit sieht es allerdings nicht nach einer schnellen Einigung aus, obwohl weiterhin eigentlich keine der Parteien ein Interesse an einer Verlängerung des Konflikts haben dürfte. Damit bleibt die geopolitische Unsicherheit hoch und die Straße von Hormus geschlossen. Auch wenn es demnächst zu einer Öffnung kommen sollte, gehen wir dennoch davon aus, dass es geraume Zeit dauern sollte, bis Produktions- und Lieferkapazitäten wieder Vorkrisenniveau erreichen. Ein durchschnittlicher Ölpreise für 2026 könnte sich damit in der Nähe von USD 100 wiederfinden. 

Man könnte erwarten, dass sich die Märkte zunehmend an die Erkenntnis gewöhnen, dass die preislichen Auswirkungen höherer Energiepreise nicht mehr als rein temporär einzustufen sind, sondern zumindest für 2026 eine nachhaltige Wirkung entfalten dürften. Zweitrundeneffekte sowie ein länger anhaltend höheres Zinsniveau sollten daher verstärkt als relevante Themen auch für Aktienmärkte betrachtet werden.

Stimmungsindikatoren wie zuletzt der European Sentiment Indicator sind sichtbar nach unten abgebogen und auch die Erwartungen bezüglich des volkswirtschaftlichen Wachstums sind davon nicht unberührt geblieben – die deutsche Regierung hat ihre Prognose für das deutsche Bip-Wachstum 2026 gerade auf 0,5% halbiert.

Im Gegensatz hierzu zeigt sich der Konsensus für Unternehmensschätzungen bislang weitgehend unbeeindruckt von der gegenwärtigen Lage und dies im Wesentlichen für alle globalen Regionen. EPS-Trends (earnings per share) weisen über weite Strecken weiterhin einen Verbesserungstrend auf. Für CEE ist zwar eine gewisse Abflachung der Trends über alle Prognosezeiträume von 2026 bis 2028 zu beobachten, ein Differential zwischen den Jahren bleibt jedoch intakt und impliziert nach wie vor solides jährliches Gewinnwachstum.

Gleiches gilt für die EPS-Trends nach CEE-Sektoren. In relativer Betrachtung haben zyklische Werte in den Konsensschätzungen deutlich an Momentum gewonnen, sowohl für das Geschäftsjahr 2026 als auch für 2027. 

Das mag die Basis für eine gewisse Sorge sein, im Falle eines Endes des Konflikts plötzliches Umschichten in zyklische Sektoren zur verpassen. Bis dahin allerdings ist ein europäischer Bewertungsvorteil nicht mehr wirklich greifbar und aktuelle Bewertungen stellen einen erheblichen Anspruch an erwartete Gewinnentwicklungen auch tatsächlich einzutreten. 

Autor:
Henning Eßkuchen
Head of CEE Equity Research, Erste Group Bank AG
4. Mai 2026

Logo Erste Group Bank AGLogo ÖVFA

Hinweis

Die Wiener Börse AG verweist ausdrücklich darauf, dass die angeführten Informationen, Berechnungen und Charts auf Werten aus der Vergangenheit beruhen, aus denen keine Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung oder Wertbeständigkeit gezogen werden können. Im Wertpapiergeschäft sind Kursschwankungen und Kapitalverluste möglich. Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Analysten wieder und stellt keine Finanzanalyse oder Anlageempfehlung der Wiener Börse AG dar.

Alle bisherigen Marktanalysen

Preisinformation

ATX Total Return in EUR