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Marktanalyse: Steigende Renditen stellen die Märkte auf die Probe

Thomas Neuhold

Die Finanzmärkte gehen mit einer ungewöhnlichen Kombination aus robuster Konjunktur, verbesserten Unternehmensgewinnen und anhaltend hohen langfristigen Anleiherenditen in die letzten Sommerwochen. Zwar blieb die Volatilität vor allem im Technologie- und Energiesektor erhöht, das grundlegende makroökonomische Bild hat sich jedoch weniger stark verändert. Die Weltwirtschaft zeigt sich weiterhin widerstandsfähig. Unterstützend wirken insbesondere die starke Dynamik im US-Verarbeitenden Gewerbe sowie der Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz und Rechenzentren. Gleichzeitig bleiben die geopolitischen Spannungen hoch und sorgen über Energie- und Rohstoffpreise für anhaltende Inflationsrisiken.

Die wichtigste Marktentwicklung ist der neuerliche Anstieg der langfristigen Staatsanleiherenditen. Die Renditen zehn- und dreißigjähriger US-Treasuries nähern sich Niveaus, die zuletzt vor der globalen Finanzkrise erreicht wurden; zunehmend erfasst die Bewegung auch Europa. Dass die langfristigen Renditen trotz einiger schwächerer US-Konjunkturdaten hoch bleiben, deutet auf eine Neubewertung der Laufzeitprämie hin. Fiskalische Risiken spielen dabei eine zentrale Rolle. In den USA steigen die Zinskosten, das Finanzministerium greift in hohem Ausmaß auf kurzfristige Emissionen zurück und der Refinanzierungsbedarf bleibt außergewöhnlich hoch. Ähnliche Sorgen sind in Europa sichtbar, insbesondere in Frankreich. Höhere strukturelle Ausgaben für Verteidigung und der langfristige Druck durch die demografische Entwicklung begrenzen zusätzlich den Spielraum für eine rasche Normalisierung der Finanzierungskosten.

Für die Notenbanken ergibt sich daraus ein schwieriges Umfeld. Das Wachstum ist zu robust, um aggressive Zinssenkungen zu rechtfertigen, während geopolitische Unsicherheiten und höhere Rohstoffpreise die Inflationsrisiken aufrechterhalten. Der AI-Investitionszyklus kommt als weiterer Faktor hinzu: Er ist ein wichtiger Treiber von Nachfrage und Unternehmensgewinnen, bindet gleichzeitig aber erhebliche Mengen an Kapital. Sollten die langfristigen Renditen weiter steigen, könnten die Finanzierungsbedingungen für diesen Investitionsboom zunehmend restriktiv werden.

Die Fundamentaldaten der Aktienmärkte bleiben dennoch konstruktiv. Die jüngste Berichtssaison führte sowohl in Europa als auch in den USA zu einer deutlichen Ausweitung positiver Gewinnrevisionen. Für Europa wurden die Erwartungen für das Gewinnwachstum 2026 von rund 14% auf 16% angehoben. Die Verbesserungen beschränken sich nicht mehr auf Energie und Finanzwerte, sondern erfassen zunehmend auch Technologie, Industrie und ausgewählte Konsumsektoren. Gleichzeitig deuten steigende Einkaufsmanagerindizes im europäischen Verarbeitenden Gewerbe auf eine konjunkturelle Belebung hin. Aktienmärkte können steigende Renditen leichter verkraften, wenn diese mit stärkerem Wachstum und höheren Gewinnerwartungen einhergehen.

Gleichzeitig nimmt das Bewertungsrisiko zu. Höhere risikofreie Zinsen führen zu niedrigeren fairen Bewertungsmultiplikatoren, während ein großer Teil der positiven Gewinnrevisionen bereits in den Kursen reflektiert sein könnte. Ein weiterer deutlicher Renditeanstieg dürfte daher Gegenwind für Aktien erzeugen, selbst wenn die Konjunktur robust bleibt. Besonders zinssensitive Wachstumswerte könnten aufgrund des hohen Kapitalbedarfs der AI-Investitionen unter Druck geraten; zusätzliche geopolitische oder inflationäre Belastungen wären vor allem für zyklische Konsumwerte und Finanzwerte negativ. Insgesamt erscheint eine etwas vorsichtigere Positionierung weiterhin angemessen: neutral bei Aktien, übergewichtet in Cash, mit einer Präferenz für Europa gegenüber den USA sowie für Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen.

Thomas Neuhold, CFA
Co-Head of Real Estate Research
Kepler Cheuvreux
1. September 2026

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