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Aktuelle Marktanalyse: Alle Jahre wieder

Bernhard Haas

Es ist mal wieder so weit. Nein, ich spreche nicht von der Vor-Weihnachtszeit, auch wenn bereits das eine oder andere Vanillekipferl seinen Weg zu uns gefunden hat. Es geht viel mehr um ein Ereignis, das zwar nicht jedes Jahr kommt, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit alle 3-5 Jahre: die deutliche Outperformance des heimischen Aktienmarktes und seine plötzliche „Wiederentdeckung“ durch Investoren.

Die Zeichen dafür müssen gutstehen: der heimische Aktienmarkt ist hochzyklisch, wird dominiert von Finanzwerten, Industrie- sowie Energieunternehmen. Am besten entwickeln sich diese Aktien, sobald es erste Anzeichen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage gibt. Die Zinsen sinken, die Unternehmen investieren wieder und die Häuslbauer versuchen an Kredite zu kommen. Gleichzeitig darf es aber nicht ZU gut laufen, denn sonst droht höhere Inflation, ein Ende der Unterstützung durch die Notenbanken und ein Einbruch der Wirtschaft im nächsten Jahr. 
In diesem „Sweet Spot“ befanden wir uns in diesem Jahr (auch wenn man es angesichts der tristen Stimmung im Land kaum glauben mag) und auch im November setzte sich die starke Entwicklung weiter fort. Der ATX konnte deutlich zulegen, während die internationalen Indizes eher eine Pause einlegten oder teilweise sogar Verluste hinnehmen mussten.

Die geopolitisch wichtigste Nachricht war dabei im Endeffekt vielleicht gar nicht so groß, wie es angekündigt war (wer konnte das von dieser US-Regierung annehmen?): Es wird (wieder mal) ein Friedensplan für die Ukraine verhandelt. Der ursprüngliche Vorschlag hatte ein gewisses russisches „Gschmäckle“, wie man so schön sagt, aber dank straffer Deadlines und einiger Nachverhandlungen konnte man sich zumindest auf weitere Gespräche einigen. So weit so gut. Glaubt man allerdings den Wettmärkten (eine herrliche Erfindung), ist die Chance für einen Waffenstillstand weiter bei unter 10%, Deadline hin oder her. Aus menschlicher (und sogar wirtschaftlicher) Sicht, wäre ein Ende des Konflikts natürlich zu Begrüßen. Aber die Hoffnung, dass wir uns dann die versprochenen Milliarden an Verteidigungsausgaben, ersparen können, ist wohl eher in den Bereich der Weihnachtsmärchen zu verorten. Die Bedrohungslage hat sich nicht geändert, ohne implizite US-Unterstützung muss Europa lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Und das ist leider teuer, aber unvermeidlich…

Auch an den Rohstoffmärkten ging die mögliche Entspannung im Ukraine-Konflikt nicht spurlos vorüber: Öl- und Gaspreis gaben leicht nach.  Die Hoffnung auf höhere Lieferungen aus Russland (bzw. weniger teure Umwege über Indien und andere asiatische Staaten, die es mit den Sanktionen nicht so genau nahmen) ließ auch die Raffineriemargen schrumpfen, wenngleich diese nach wie vor auf einem außergewöhnlich hohen Niveau liegen (falls sie sich wundern, wieso die niedrigeren Ölpreise nie an der Zapfsäule ankommen: es sind doch nicht nur die bösen Steuern, welche die Preise nach oben treiben). 

Falls der eine oder andere als Weihnachtsgeschenk einen Goldphilharmoniker oder ähnliches überlegt: es wurde noch ein bisschen teurer. Auch im November konnte der Goldpreis seinen starken Anstieg fortsetzen, allen geopolitischen Entspannungen zum Trotz. Wir sind zwar knapp unter den Allzeithochs von letztem Monat (auf USD-Basis), aber Gold war sicher schon mal billiger (nämlich an praktisch jedem anderen Zeitpunkt seid Menschengedenken, zumindest auf nomineller Basis).
Das Argument des hohen Preises kann man aber nicht nur für Gold vorbringen. Nach dem starken Anstieg der Aktienmärkte fragen sich sicherlich auch viele Investoren (und interessierte Zuseher): ist es schon zu teuer?

In den letzten Jahren war der heimische Markt im internationalen Vergleich geradezu unverschämt günstig bewertet. Dies lag einerseits an der unterschiedlichen Sektor Zusammensetzung (Finanzwerte handeln naturgemäß bei anderen Bewertungen als z.B. Technologiefirmen) aber andererseits auch an einem gewissen „Österreich-Abschlag“. Ob dieser auf die oftmals dürftige Liquidität, das Osteuropa-„Risiko“ oder gar auf die politische Situation im Land zurückzuführen ist, kann man wohl lange diskutieren. Dass er aber deutlich kleiner geworden ist, ist Fakt. Das heißt aber nur, dass die heimischen Unternehmen in Zukunft stärker mit positiven Ergebnissen überzeugen müssen. Das Potential dafür wäre auf jeden Fall vorhanden...

Autor:
Mag. Bernhard Haas, CFA, Erste Asset Management GmbH
Fondsmanager
1. Dezember 2025

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