Michael Kordovsky | Börsen-Kurier
Der Börsen-Kurier analysiert die aktuellen Notenbankentscheidungen.
Wirft man auf der Webseite leitzinsen.info einen Blick auf die weltweit jüngsten Zinsentscheidungen der Notenbanken, dann stehen in den OECD- und G20-Ländern 24 Leitzinsanhebungen nur sechs Senkungen gegenüber, wobei die letzte Leitzinssenkung in Japan am 29. Jänner 2016 stattfand. Noch immer befinden sich die Zentralbanken im Kampf gegen die Inflation.
Was allerdings auffällt, ist, dass mehrere der bedeutendsten Notenbanken, nämlich die Fed, die Bank of England und nun auch die Schweizerische Nationalbank, eine Zinsanhebungspause einlegten. Die chinesische und die brasilianische Zentralbank haben im August sogar Leitzinssenkungen durchgeführt. Was weltweit ins Gewicht fällt, ist die konjunkturelle Schwäche Chinas und somit ein ausbleibender Rohstoffnachfrageschub.
Doch auch hier muss differenziert werden, denn: An der Ölpreisfront könnten zuletzt günstige Basiseffekte bis Jahresende bei gleichbleibenden oder sogar steigenden Preisen ins Gegenteil umschlagen, denn seit September (WTI-Oil) bzw. November 2022 (Brent-Oil) liegen die Ölpreise im Front-Monats-Kontrakt im Schnitt unter dem aktuellen Niveau (per 22.9.). Dies könnte der Headline-Inflation in manchen Ländern erneut Auftrieb verleihen, während zuletzt rückläufige Erzeugerpreise im Euroraum und in China preisdämpfend wirken.
Zinsplateau im Euroraum erreicht?
Vor allem im Euroraum ist ein Anstieg der Preise für verarbeitete Lebensmittel einschließlich Alkohol und Tabak von 10,3 % im August ein Faktor. Ein Rückgang der im HVPI mit 10,23 % gewichteten Energiepreiskomponente bremst hingegen noch. Per Saldo ging somit die Gesamtinflation im Euroraum von Juli auf August nur von 5,3 auf 5,2 % zurück, während die Kerninflation im August mit 5,3 % sogar leicht darüber liegt. Im Vergleich dazu liegt das Stabilitätsziel der EZB bei einer Inflationsrate von 2,0 %.
Aus diesem Grund erfolgte zuletzt die zehnte Leitzinsanhebung um je 25 Basispunkte auf 4,50 % im Hauptrefinanzierungssatz; 4,00 % auf die Verzinsung der Einlagefazilität und 4,75 % im Spitzenrefinanzierungssatz.
Der Zinsausblick von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der Pressekonferenz nach der Leitzinsentscheidung lässt verschiedene Optionen in den kommenden Sitzungen offen, deutet allerdings eher auf ein länger höheres Zinsplateau hin. Lagarde im O-Ton: „Die zukünftigen Beschlüsse des EZB-Rats werden dafür sorgen, dass die EZB-Leitzinsen so lange wie erforderlich auf ein ausreichend restriktives Niveau festgelegt werden. Bei der Festlegung der angemessenen Höhe und Dauer des restriktiven Niveaus wird der EZB-Rat auch künftig einen datengestützten Ansatz verfolgen. Die Zinsbeschlüsse des EZB-Rats werden vor allem auf seiner Beurteilung der Inflationsaussichten vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzdaten, der Entwicklung der zugrunde liegenden Inflation sowie der Stärke der geldpolitischen Transmission basieren.“
Weitere Anhebungen in den Vereinigten Staaten?
In den USA hat die Fed am 20. September bereits eine weitere Zinsanhebungspause beschlossen, nachdem die US-Arbeitslosenquote im August von 3,5 auf 3,8 % anstieg und sich auch die Anstiege der Stundenlöhne mäßigten. Indessen lag die Inflationsrate noch immer bei überschaubaren 3,7 %. Doch die Fed revidierte die BIP-Wachstumsprognose für die USA im laufenden Jahr um 1,1 %-Punkte auf 2,1 % und geht für 2024 von einem Zuwachs von 1,5 % aus, was einem „Soft Landing“ gleichkäme.
Somit signalisierte Fed-Chef Jerome Powell nach dem jüngsten Zinsbeschluss, dass weitere Zinsanhebungen noch möglich sind. Experten gehen mittlerweile davon aus, dass etwaige Zinssenkungen 2024 deutlich niedriger ausfallen als bisher erwartet.
Gemischte Signale aus GB und der Schweiz
Die Bank of England (BoE) hat vergangene Woche eine Zinsanhebungspause auf einem Niveau von 5,25 % verkündet, während die Analysten mit einer weiteren Leitzinsanhebung auf 5,50 % rechneten. Offensichtlich verlagert sich der Fokus vom Arbeitsmarkt auf den aktuellen Konjunkturabschwung, was im Notfall schnelle Zinssenkungen erwarten lässt. Aber während es an der Leitzinsfront Entspannungstendenzen gibt, plant die BoE, in den kommenden zwölf Monaten Staatsanleihen-Bestände in Höhe von umgerechnet rund 115 Milliarden Euro abzubauen (Quantitative Tightening, QT). Dazu Tomasz Wieladek, Chefvolkswirt für Europa bei T. Rowe Price, in einer aktuellen Aussendung: „Die Erhöhung der Quantitativen Straffung (QT) durch die Bank of England bestätigt, dass sie das QT auch bei einer Abschwächung der Wirtschaftslage fortsetzen wird. Der Anstieg des QT wird sich auf den internationalen Anleihemärkten ausbreiten. Es ist ein starkes Signal dafür, dass die Zentralbanken das QT beschleunigen werden, auch wenn sie ihre anderen politischen Instrumente auf Eis legen. Dies erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass das QT im Hintergrund weitergeht, selbst wenn die Zentralbanken beginnen, die Leitzinsen zu senken.“ Die erwartete Folge: „Diese Änderung der Erwartungen wird die Zinssätze für langfristige Anleihen hoch halten und zu einem weltweiten Ausverkauf an den Zinsmärkten führen“, so Wieladek.
In fünf Zinsschritten seit Juni 2022 hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitzins auf 1,75 % angehoben. Doch bei der vierteljährlichen geldpolitischen Beurteilung überraschte die Entscheidung der SNB gegen eine weitere Zinserhöhung, entgegen der mehrheitlichen Prognose von befragten Ökonomen für eine Zinserhöhung um 0,25 %-Punkte.
Die Zentralbank peilt für Preisstabilität zwischen 0 und 2 % an. Die Währungshüter kündigten an, die Entwicklung der Teuerung in den kommenden Monaten genau zu beobachten. Im Vergleich dazu liegt der Inflationswert im August bei 1,6 %. Für 2023 erwartet die SNB eine Inflationsrate von 2,2 %, für 2024 ebenfalls 2,2 % und für 2025 eine Abschwächung auf 1,9 % (bisher: 2,1 %).
Ein Statement der SNB gibt Orientierung: „Es ist aus heutiger Sicht nicht auszuschließen, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik nötig werden könnte, um die Preisstabilität in der mittleren Frist zu gewährleisten.“
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