Christian Sec | Börsen-Kurier
Ökonomen optimistischer als die Wirtschaft.
Nach Jahren des Hängens und Würgens ist das Mercosur-Abkommen zwar endgültig unterzeichnet, nun droht jedoch eine weitere Verzögerung durch das Votum des EU-Parlaments, welches das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) prüfen lässt. Das Abkommen mit den Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay würde die Zölle auf rund 91 % der EU-Exporte abbauen. Dies soll über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren erfolgen.
Was Freihandelsabkommen bewirken können, zeigt ein kurzer Blick auf CETA, das Freihandelsabkommen der EU mit Kanada. Seit dem provisorischen Inkrafttreten des Abkommens im Jahr 2017 stieg der Güteraustausch um 65 % und der Austausch von Dienstleistungen um 90 %.
Noch wenig Relevanz
Aktuell ist das Handelsvolumen zwischen Österreich und Mercosur mit rund 1,8 MrdE im Jahr 2024 noch vergleichsweise gering. Dennoch birgt das Abkommen erhebliches Potenzial für die exportabhängige österreichische Industrie. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten die Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen nach Mercosur um bis zu 40 % steigen. Für die heimische Industrie würde diese zusätzliche Wertschöpfung etwa 2.000 neue Arbeitsplätze bedeuten.
Für Österreich lag der durchschnittliche Zollsatz auf Ausfuhren in diese Länder im Jahr 2024 bei rund 10 %, was einer Belastung von 130 MioE entsprach, wie eine Bank-Austria-Studie zeigt. Besonders ausgeprägt wäre die Entlastung durch den Zollabbau in den Sektoren Fahrzeugbau, Getränkeindustrie und Maschinenbau.
Voestalpine und Agrana: schon vor Ort
Derzeit sind die Umsätze der Unternehmen im Mercosur-Raum noch überschaubar. Laut einer Umfrage im vergangenen Jahr profitiert der Stahlkonzern Voestalpine eigenen Aussagen zufolge kaum vom Zollabbau, da das Südamerika-Geschäft, durch eigene Produktionsstandorte als Local-to-local-Geschäft abgewickelt wird.
Ähnlich die Situation beim Lebensmittelverarbeiter Agrana. Das Unternehmen ist derzeit mit jeweils einem Standort in Brasilien und Argentinien vertreten und produziert dort vor allem für den regionalen Markt. Aber immerhin bedeutet das Zollabkommen für Agrana, dass 180.000 Tonnen Zucker sowie 650.000 Tonnen Ethanol zollfrei in die EU importiert werden dürfen, wie das Unternehmen gegenüber dem Börsen-Kurier mitteilt.
Keine neuen Impulse
Beim Aluminiumhersteller Amag sind die Umsätze im Mercosur-Wirtschaftsraum marginal. Aufgrund der strategischen Marktprioritäten erwartet der Konzern auch künftig keine wesentliche Veränderung oder Ausweitung des Geschäfts in diesen Ländern. Auch der Textilfaserhersteller Lenzing wäre von einem EU-Mercosur-Abkommen kaum betroffen. Das Unternehmen ist im Mercosur-Raum über ein Zellstoffwerk in Brasilien präsent. Der Markt sei zwar relevant, jedoch kein Schwerpunktmarkt. „Da unsere heutigen Handelsströme bereits zollfrei sind, erwarten wir durch ein mögliches Abkommen keine wesentlichen Veränderungen, sondern eine stabile Weiterentwicklung unserer bestehenden Aktivitäten“, erklärt Lenzing dem Börsen-Kurier. Auch beim Lichttechnikunternehmen Zumtobel ist Mercosur kurzfristig kein priorisiertes Thema, zumal der Umsatzanteil im niedrigen einstelligen Bereich liegt. Falls sich durch verbesserte Rahmenbedingungen mittelfristig zusätzliche Marktchancen ergeben, so werde man diese selektiv prüfen, teilt uns Zumtobel mit.
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