Wiener Börse News

Börsen-Kurier: Neue Märkte, neue Allianzen

Christian Sec. | Börsen-Kurier

Wie Österreichs Unternehmen von der Freihandelsoffensive der EU profitieren.

Angesichts geopolitischer Spannungen, protektionistischer Tendenzen in den USA und der wachsenden Abhängigkeit von China setzt Brüssel nun – wie berichtet – auf eine neue Handelsoffensive. Mit Mercosur, Kanada (CETA), Japan (JEFTA) und Indien entstehen oder vertiefen sich vier strategische Wirtschaftspartnerschaften. Ziel ist es, Lieferketten breiter aufzustellen und die Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu verringern. 
Für Österreich ist das von besonderer Bedeutung: Die Exportquote beträgt rund 57 %. Entsprechend groß ist das Interesse der Industrie an sinkenden Zöllen und besserem Marktzugang. Allerdings zeigt sich, dass nicht jedes Freihandelsabkommen automatisch zu einem Umsatzschub führt.

Neue Chancen in Asien

Das seit 2019 geltende Wirtschaftspartnerschaftsabkommen JEFTA wird den Handel mit Japan deutlich erleichtern. Nahezu alle Industriezölle werden schrittweise innerhalb von 15 Jahren abgebaut und zahlreiche Standards harmonisiert. Gleichzeitig entwickelt sich das Land zu einem wichtigen Innovationspartner. Der Leiterplattenhersteller AT&S arbeitet seit Jahren mit Sony zusammen, während ams Osram seine Kooperation mit dem LED-Spezialisten Nichia zuletzt durch eine umfassende Patentvereinbarung vertieft hat. 

Auch CETA zeigt Wirkung. Seit dem Inkrafttreten 2017 hat der Handel zwischen Kanada und der EU deutlich zugenommen. Österreichische Unternehmen nutzen Kanada dabei zunehmend als Brückenkopf für Nordamerika. Europäische Vorprodukte können zollfrei nach Kanada geliefert, dort montiert und weiterverarbeitet werden und, sofern die Ursprungsregeln erfüllt sind, ohne zusätzliche Zölle in die USA exportiert werden. Palfinger produziert seit Jahrzehnten in Ontario und beliefert von dort Kanada, die USA und Mexiko. Auch Kapsch TrafficCom betreibt eine Produktionsstätte in Kanada. Gemeinsam mit dem nordamerikanischen USMCA-Abkommen eröffnet CETA europäischen Unternehmen zusätzliche Möglichkeiten, den gesamten Kontinent zu erschließen. 

Nicht jedes Abkommen wirkt gleich

Noch größer sind die Erwartungen an Indien. Das Anfang 2026 abgeschlossene Freihandelsabkommen könnte die EU-Exporte nach Schätzungen der Europäischen Kommission bis 2032 verdoppeln. Für Österreich ist Indien schon heute einer der dynamischsten Wachstumsmärkte: Seit 2004 haben sich die Exporte mehr als vervierfacht. Andritz produziert seit mehr als 120 Jahren in Indien und erwartet durch das Abkommen einfachere Technologie- und Komponentenlieferungen sowie mehr Planungssicherheit, wie das Unternehmen gegenüber dem Börsen-Kurier erklärte. Voestalpine baut seine Produktionskapazitäten aus, während AT&S bereits ein Werk mit mehr als 1.000 Beschäftigten betreibt.

Wesentlich nüchterner fällt die Einschätzung der Unternehmen zum Mercosur-Abkommen aus. Zwar sollen künftig rund 91 % der EU-Exporte nach Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay schrittweise zollfrei werden, viele österreichische Konzerne produzieren jedoch bereits vor Ort. Voestalpine und Agrana bedienen den Markt überwiegend über lokale Gesellschaften, weshalb der Wegfall von Importzöllen nur begrenzte Auswirkungen haben dürfte. Auch Amag, Lenzing und Zumtobel erwarten kurzfristig keine wesentlichen Impulse. Langfristig könnte das Abkommen jedoch Maschinenbauern, Anlagenbauern und Infrastrukturunternehmen zugutekommen. 

Die vier Freihandelsabkommen entfalten somit unterschiedliche Wirkungen. CETA stärkt den Zugang zum nordamerikanischen Markt, JEFTA vertieft die technologische Zusammenarbeit mit Japan, Indien verspricht das größte Wachstumspotenzial und Mercosur eröffnet langfristige Chancen für exportorientierte Industrien. 


Dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von:

Börsen-Kurier     Jetzt 4 Wochen gratis testen

Hinweis

Die Wiener Börse AG verweist ausdrücklich darauf, dass die angeführten Informationen, Berechnungen und Charts auf Werten aus der Vergangenheit beruhen, aus denen keine Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung oder Wertbeständigkeit gezogen werden können. Im Wertpapiergeschäft sind Kursschwankungen und Kapitalverluste möglich. Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und stellt keine Finanzanalyse oder Anlageempfehlung der Wiener Börse AG dar.