Roman Steinbauer | Börsen-Kurier
Neben steigender Handelseffizienz lauert das Risiko der Destabilisierung.
Die Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen gewinnen im Aktienhandel zunehmend an Gewicht. Auswirkungen auf Trendfolgesysteme, die Chart-Technik und sich eventuell selbst verstärkende Trends werden daher in der Kapitalmarkt-Branche zunehmend thematisiert. Weist der jüngste Technologieschub doch das Potenzial auf, seit Jahrzehnten erfolgreiche Anlagestrategien erheblich zu automatisieren, aber natürlich auch zu untergraben.
Kursvolatilitäten an den Finanzmärkten nehmen global indes nicht nur während heißer politischer oder kriegerischer Auseinandersetzungen wie aktuell zu. Im Hintergrund wirken wachsende Dynamiken, die oft auf bestehende Kurstrends beschleunigend wirken.
Kleine Abweichungen mit großen Folgen
Die Nutzung von Algorithmen ist in der Finanzbranche aber keineswegs neu, sie wird seit Jahren in Strategieprogramme implementiert. Die London School of Economics and Political Science (LSE) veröffentlichte im September des Vorjahres die Ergebnisse einer Studie, inwiefern Daten-In- und Output-Schemata sowie zunehmende KI-Steuerungen an den Aktienmärkten neue Risiken fördern. Die Privatuniversität bezeichnet den Einzug der KI-Prozesse in die Finanzmärkte zwar als „Revolution, die mit beispielloser Geschwindigkeit und Präzision das Geschehen verändert“. Da optimierte KI-Systeme mittlerweile den Großteil der Transaktionen steuern, könnten aber selbst kleinste Datenfehler gravierende Folgen haben.
Gefahr einer Kettenreaktion
Die LSE führte als ersten „Börsenunfall“ des digitalen Zeitalters den „Flash Crash“ vom 6. Mai 2010 (14.45 Uhr New Yorker Zeit) an. Damals löste, ein durch Hochfrequenz-Algorithmen herbeigeführter einziger fehlinterpretierter Auftrag eine Lawine an Verkaufskontrakten im S&P-500-Index aus (Anm. der Red.: Die Börsenaufsicht SEC leitete in Folge eine Untersuchung ein, der im September 2010 ein entsprechender Bericht folgte). Demnach kam der Handel durch einen unentdeckten Datenfehler (nicht durch einen Systemfehler) aus dem Gleichgewicht.
Die Universität weist heute auch auf die Forschungsergebnisse von Maximilian Goehmann, Doktorand am Department of Management der LSE, zu potenzielle Schäden durch KI und maschinellem Lernen im Finanzsektor hin, die ebenso dem Ausschuss des britischen Finanzministeriums zur Untersuchung von KI im Finanzdienstleistungssektor übergeben wurden. Demnach ziehe ein scheinbar unbedeutender Fehler möglicherweise gleich schwerwiegende Folgen nach sich, wie ein technischer Ausfall. Die Komplikation bestehe darin, dass es viele Algorithmen mit ähnlichen Einstellungen gebe, die sich gegenseitig beeinflussen. Ein kaskadierender Ausfall, dem ein enormer Einbruch am Markt folge, könne die Konsequenz sein.
Die Verbreitung der algorithmischen Abwicklung nimmt jedenfalls weiter zu. Die London School of Economics schätzt die Quote aller Transaktionen, die automatisch von automatisierten Handelssystemen (ATS) durchgeführt werden, auf 60 bis 70 %.
Gefahr der Disruption
Die zweitälteste Universität der USA, das College of William & Mary, bezweifelte im Sommer des Vorjahres in einem Report, dass die bisherige Effizienzmarkthypothese (die besagt, Aktienkurse würden alle verfügbaren Informationen spiegeln) weiter Bestand hat. Zwar mache die KI die
Finanzmärkte noch effizienter, sie verstärke aber andererseits nicht nur Trends, sondern könne auch zu deren rascher Disruption führen. Aktien-Profiteure würden künftig jedenfalls jene Investoren sein, die KI-Werkzeuge verstehen und dadurch für einen Wettbewerbsvorteil zu nutzen wissen.
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