Michael Kordovsky | Börsen-Kurier
Wie es mit den Zinsen in Japan, Schweiz, Eurozone und den USA weitergehen könnte.
Die Bank of Japan (BoJ) vollzog ihre historische geldpolitische Wende mit der ersten Leitzinsanhebung seit 17 Jahren am 19. März 2024. In diesem Schritt hob sie den kurzfristigen Zinssatz von minus 0,1 % auf eine Spanne von 0,0 bis 0,1 % an und beendete damit weltweit als letzte große Zentralbank die Ära der Negativzinsen. Die letzte Leitzinsanhebung vollzog sie am 19. Dezember des Vorjahres um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 % und damit auf den höchsten Stand seit 1995.
Nach dem jüngsten Wahlsieg der Liberaldemokratischen Partei (LDP), die als erste Partei im Nachkriegsjapan die Zweidrittelmehrheit überschritt, hat die wiedergewählte Premierministerin und Chefin der LDP, Sanae Takaichi, nun einen größeren politischen Wechsel vor: Sie kündigte an, die Prüfung einer Aussetzung der achtprozentigen Umsatzsteuer auf Lebensmittel zu beschleunigen.
Hohe Investitionen
Takaichi wird in japanischen Wirtschaftskreisen aufgrund ihrer langjährigen Unterstützung für niedrige Zinsen und hohe Staatsausgaben zur Ankurbelung des Wachstums durchaus positiv betrachtet. Sie fördere umfangreiche staatliche Investitionen in wichtige Bereiche wie KI und Halbleiter. Insgesamt soll mit einem Konjunkturpaket von umgerechnet 117 MrdE die Wirtschaft angekurbelt werden. Noch im laufenden Fiskaljahr (endet am 31. März) sollen die Verteidigungsausgaben auf 2 % des BIP angehoben werden.
Märkte optimistisch
Der Nikkei 225 hat den LDP-Wahlsieg mit einem kräftigen Anstieg begrüßt, während der Yen gegenüber dem US-Dollar binnen weniger Tage auffallend stark aufwertete. Die Märkte gehen von einem stärkeren Wirtschaftswachstum aus und vereinzelte Aufwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen für Japan sind in den kommenden Wochen und Monaten durchaus denkbar.
Die Analysten von Oxford Economics rechnen für Japan weiterhin mit einem fiskalen Primärdefizit von 2 bis 3 % des BIP in den Fiskaljahren 2026 bis 2028, ehe das Defizit ab dem Jahr 2029 schrumpfen sollte. Bis Ende 2026 sollten die Renditen zehnjähriger japanischer Staatsanleihen auf 2,3 % steigen und bis Ende 2027 auf 2,5 % (vgl. 2,21 % am 13.Februar.) zulegen. Die Inflationsrate ist in Japan von 3 % im Oktober auf 2,9 % im November und infolge fallender Energiekosten auf 2,1 % im Dezember 2025 gesunken.
Drei Zinsanhebungen erwarten
Die Einschätzung, dass die BoJ bereits in der ersten Jahreshälfte 2026 eine weitere Leitzinsanhebung um 0,25 PP auf 1 % vornimmt, wird allgemein als plausibel betrachtet. Aber Kenya Koshimizu, Senior Management Executive Officer, Co-Head of Global Markets Company bei der Mizuho Financial Group, rechnet angesichts des schwachen Yen und einer Inflation, die weiterhin über dem Ziel der BoJ liegt, in diesem Jahr mit bis zu drei Zinserhöhungen. Doch die Luft für weitere Leitzinsanhebungen jenseits der 1-%-Grenze wird zunehmend dünner, denn bei einer Staatsverschuldung von mehr als 230 % des BIP gewinnen die Zinskosten zunehmend an Bedeutung.
Nullzins in der Schweiz
Bei Österreichs westlichem Nachbarn hingegen belässt die SNB den Leitzins unverändert bei 0 %, nachdem die Inflation in den letzten Monaten etwas tiefer ausfiel als erwartet - sie fiel von 0,2 % im August auf 0,0 % im November. Zu diesem Zeitpunkt lag im Euroraum die Inflation bei 2,1%. Diese Inflationsdifferenzen sprechen für eine anhaltende schrittweise Aufwertung des Frankens zum Euro.
Komfortzone im Euroraum
Anders ist die Situation im Euroraum, wo sich der Leitzins auf einem soliden Niveau befindet, das weder die Wirtschaft abwürgt noch die Inflation treibt. Nach acht Leitzinssenkungen zwischen Juni 2024 und Juni 2025 bleibt der Einlagensatz bei 2,00 % und der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,15 %. Die EZB sieht sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zwei-Prozent-Ziel stabilisieren dürfte. Die Teuerungsrate sank im Jänner auf 1,7 % (Schnellschätzung) nach 2,0 % im Dezember.
Der Rückgang der Inflation war vor allem auf die Energiekomponente im HVPI zurückzuführen, die um 4,1 % sank. Die Kerninflation ging leicht von 2,3 auf 2,2 % zurück, die Dienstleistungsinflation von 3,4 auf 3,2 %.
Euro-Zone in guter Lage
Auch auf der Kostenseite zeichnen sich Entspannungstendenzen ab: Tarifabschlüsse signalisieren eine weitere moderate Lohnentwicklung, wenngleich übertarifliche Zahlungen Unsicherheiten bergen. Die meisten Indikatoren für langfristige Inflationserwartungen verharren nahe 2 % und deuten auf eine Stabilisierung auf diesem Niveau hin. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte auf Nachfrage bei der Pressekonferenz zur Leitzinsentscheidung am 5. Februar: „Ich würde auf jeden Fall sagen, dass wir uns in einer guten Lage befinden und die Inflation auf einem guten Niveau ist.“
Die EZB verfolgt einen datenorientierten Ansatz und gibt keinen Zinsausblick. Doch ein mögliches Leitzinsszenario kann aus den Forward-Rates im 3-Monats-Euribor abgeleitet werden. Diese basieren auf Erwartungen der Marktteilnehmer. Über das Jahr 2026 hinweg bleiben die Forward Rates vom 2. Februar fast unverändert, was am ehesten auf gleichbleibende EZB-Leitzinsen bis Jahresende 2026 schließen lässt. Bis Dezember 2027 folgt ein leichter Anstieg auf 2,29 % (vgl. 2,17 % im Juni 2027). Frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2027 erscheint somit eine Leitzinsanhebung um 25 Basispunkte plausibel.
Fed-Politik schwer einschätzbar
Wesentlich schwieriger einzuschätzen ist derzeit die weitere Leitzinsentwicklung in den USA. Sofern der US-Senat die Nominierung bestätigt, soll Kevin Warsh kurz nach dem 15. Mai Jerome Powell als Fed-Chairman folgen. In der Vergangenheit galt Warsh als Vertreter einer restriktiveren Geldpolitik. Ob er diese Haltung beibehält oder eine von US-Präsident Donald Trump favorisierte geldpolitische Linie einschlägt, bleibt offen. Mehr Klarheit dürfte erst nach mehreren Fed-Sitzungen unter seinem Vorsitz entstehen. Bis dahin bleibt auch die wirtschaftliche Entwicklung der USA mit erhöhten Unsicherheiten behaftet.
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