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Börsen-Kurier: Der Kampf um Kapital verschärft sich

Autor: Michael Kordovsky | Börsen-Kurier

Staatsschulden und KI-Investitionen erhöhen den Druck auf die Finanzierungsmärkte.

Der KI-Investitionsboom trifft auf einen Kapitalmarkt, der zugleich enorme Staatsschulden refinanzieren muss. Rechenzentren verschlingen Milliarden, doch zwischen Fertigstellung und rentabler Nutzung können Monate liegen. Damit wird aus einem technologischen Wachstumsschub zunehmend eine Kredit- und Zinsfrage.

Staaten beanspruchen Milliarden

Laut OECD dürften Staaten und Unternehmen 2026 weltweit Anleihen für umgerechnet rund 25.80 BioE begeben. Das sind 17 % mehr als 2024. Ein Großteil der Bruttokreditaufnahme dient der Refinanzierung bestehender Schulden. Im Jahr 2025 belief sich der Refinanzierungsbedarf der Staaten in der OECD auf einen Rekordwert von rund 13,5 BioUSD oder fast 80 % der Bruttokreditaufnahme. Das US-Haushaltsdefizit stieg von 2025 auf das Fiskaljahr 2026 von 5,8 auf 6,2 % des BIP. Frankreich plant 2026 mittel- bis langlaufende Anleiheemissionen von 310 MrdE nach Rückkäufen, Deutschland rund 512 MrdE einschließlich Geldmarktpapieren. Die EZB prognostiziert für den Euroraum bis 2028 eine Schuldenquote von 89,4 % – verglichen mit 87,1 % im Jahr 2025.

Die Zinsbelastung wächst bereits: Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten am 20. Oktober mit 5,12 %, nach 4,00 % am 20. Oktober 2025. Im Euroraum gerieten zuletzt die Renditen mittlerer Laufzeiten unter Aufwärtsdruck, was fallende Bondpreise bedeutete. Per 23. Oktober stieg laut Worldgovernmentbonds.com die Rendite fünfjähriger deutscher Bundesanleihen auf Jahressicht um 90,8 Basispunkte auf 3,142 %, und jene laufzeitkongruenter französischer Staatsanleihen um 169,8 Basispunkte auf 4,437 %. Ausstehende Fixzinsanleihen werden dadurch nicht sofort teurer, wohl aber Neuaufnahmen und Refinanzierungen. Für Unternehmen kommen auf die Staatsrenditen Bonitätsaufschläge.

Der Kreditbedarf der Konzerne

Auch die Unternehmensseite beansprucht mehr Kapital: In den USA erreichten die Bruttoemissionen von Corporate Bonds laut SIFMA Research bis September 2026 umgerechnet rund 1.954 MrdE. Das waren 24,5 % mehr als ein Jahr zuvor. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA beziffert das Volumen der Unternehmensanleiheemissionen im Europäischen Wirtschaftsraum für 2025 auf mehr als 2.100 MrdE. Das entspricht einem Anstieg um 6 % gegenüber 2024.

Nach OECD-Projektionen wollen neun große KI-Konzerne bis 2030 rund 3.650 MrdE investieren. Deren erwartetes Bond-Emissionsvolumen liegt in den Jahren 2026 bis 2030 bei etwa 1,2 BioUSD oder 1.068 MrdE. Laut OECD übersteigt damit der Kapitalbedarf der großen Technologiekonzerne die Möglichkeiten, ihre Investitionen allein aus intern erwirtschafteten Mitteln und Eigenkapital zu finanzieren.

Auch Europas Kapitalmarkt wird beansprucht: Laut EZB stehen dort rund 40 MrdE aus Euro-Anleihen von US-Technologiekonzernen aus. Ihr Anteil an den Neuemissionen von Nichtfinanzunternehmen liegt bei knapp 10 %. Datenanalysen zur ersten Emissionswelle ergaben noch keine Hinweise auf eine breite Verdrängung heimischer Schuldner. Weitere Großemissionen könnten das aber ändern. Was allerdings auffällt, sind bereits steigende Risikoaufschläge bei Hyperscaler-Anleihen.

Kreditrisiken werden greifbar

Wie angespannt die Finanzierung des KI-Ausbaus bereits ist, zeigt CoreWeave. Laut S&P Global Ratings verzeichnete der Rechenzentrumsbetreiber 2025 ein Free-Cashflow-Defizit von rund 6,4 MrdE, das überwiegend durch zusätzliche Schulden gedeckt wurde. Auch für 2026 und 2027 prognostiziert S&P Investitionsausgaben, die die operativen Cashflows um ein Vielfaches übersteigen. CoreWeave wies für das zweite Quartal 2026 Investitionen von umgerechnet rund 8,3 MrdE aus, bei lediglich 2,3 MrdE Umsatz und einem Nettoverlust von knapp 560 MioE. S&P bewertet den KI-Cloudanbieter mit B+, dessen unbesicherte Anleihen sogar mit B – beides Ratings im spekulativen Bereich (Non-Investment-Grade). Im April platzierte CoreWeave Dollar-Anleihen mit einem 9,75 % Kupon, im Juni Euro-Papiere mit 8,50 %. Damit steigt der Druck, Kapazitäten rasch auszulasten.

Auch stärkere Schuldner geraten unter Druck

S&P stufte Oracle im Juli von BBB auf BBB minus ab und verwies auf höhere Geschäftsrisiken sowie auf Investitionsausgaben in Höhe von 90 bis 95 MrdUSD im Geschäftsjahr 2027 (das im Mai endet), die weit über der bisherigen Prognose von 60 MrdUSD liegen. Oracle kündigte für das Kalenderjahr 2026 eine Eigen- und Fremdkapitalaufnahme von umgerechnet 40 bis 45 MrdE an. 

Eine Risikobetrachtung von Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kommt zu folgendem Schluss: „Wenn Kreditaufschläge das Risiko der zugrunde liegenden Investitionen widerspiegeln, deutet dieses Muster darauf hin, dass Kreditgeber KI-bezogene Darlehen als ähnlich riskant einschätzen wie einen durchschnittlichen Kredit im Private-Credit-Markt. Dies steht in starkem Kontrast zu den hohen Aktienbewertungen von KI-Unternehmen, die außergewöhnlich hohe künftige Renditen erwarten lassen. Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass entweder die Kreditgeber die Risiken von KI-Investitionen möglicherweise unterschätzen (gerade jetzt, da ihr Engagement erheblich zunimmt) oder die Aktienmärkte die künftigen Cashflows, die KI generieren könnte, überschätzen.“ 

Fazit

Noch ist eine breite Verdrängung am Anleihemarkt nicht belegt. Doch hohe Staatsdefizite und milliardenschwere KI-Investitionen erhöhen den Wettbewerb um Kapital. Wo freie Cashflows nicht mit dem Schuldenaufbau Schritt halten, drohen höhere Risikoaufschläge und teurere Refinanzierungen – vor allem bei schwächeren Emittenten.



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