Roman Steinbauer | Börsen-Kurier
„Sell in May and go away“ galt lange als goldene Regel für Anleger.
In regelmäßigen Abständen tritt zu dieser Jahreszeit an den Aktienmärkten eine Parabel auf: Die als Börsenweisheit gehandelte Phrase „Sell in May and go away, but remember to come back in September“ erhält mediale Präsenz und weist dabei eine erstaunliche Hartnäckigkeit auf. Lange galt sie gar als Lehrstück einer handfesten Handlungsempfehlung, Aktienbestände im Mai zu reduzieren und erst im Herbst wieder ins Depot aufzunehmen.
Sowohl Marktgegebenheiten als auch Fakten untermauerten einen zeitlichen Rückzug als Gesamtmarktstrategie, die als schlüssig galt und mit hoher Wahrscheinlichkeit Vorteile versprach. Bis 2010 hielt die Historie des Verlaufs der Indizes von Mai bis Oktober als Beleg für eine Schwächeneigung an den Finanzmärkten her. So wiesen bis ins Jahr 1959 reichende Untersuchungen den Zeitraum von November bis April als jenen mit den höchsten Renditechancen auf. Zudem waren im dritten Jahresquartal die Liquiditätszuflüsse in Anlagefonds und auch direkt in Aktien unterdurchschnittlich.
Die Verabschiedung
Unterdessen sieht die Realität seit geraumer Zeit vollkommen anders aus. Während der Jahre 2024 und 2025 schloss der meistbeachtete Aktienindex der USA, der S&P 500, in den Folgemonaten, die unmittelbar auf den Mai folgten, kein einziges Mal mit einem Minus ab. Ganz im Gegenteil: Der Aufwärtstrend war eindeutig: In den Sommermonaten wurden mit knapp +9 % bzw. +13 % eindrucksvolle Anstiege verzeichnet. Um Abschläge auszumachen, musste der Börsen-Kurier den Blick zurück bis in den August (-1,8 %) und September (-4,9 %) des Jahres 2023 richten.
Nicht nur die Weiterentwicklung der Märkte hebelt die These starrer Börsenzyklen unterdessen aus. Da der Umfang der Geldzuflüsse in die Finanzmärkte zu einem immer größeren Anteil aus dominanter werdenden, einstigen Schwellenländern wie China und Indien, stammt, bleiben ruhige Börsensommer mittlerweile aus. Der Hintergrund ist logisch: Unser jahreszeitlicher Urlaubsrhythmus weicht massiv von jenen in den aufstrebenden Regionen des Globus ab.
Schmerzhaft unterlegte Datenlage
Reuters publizierte Anfang Mai eine Analyse, wonach ein jährlicher Ausstieg eines Investors mit Ende Mai aus dem S&P-500 Index während der vergangenen zehn Jahre eine Falle gewesen wäre. Demnach hätten Anleger nicht weniger als 45 % der generierten Gewinne gegenüber einem unveränderten Depot liegengelassen. Die Nachrichtenagentur zitierte zudem den Chef-Marktstrategen der Carson Investment Group aus Nebraska, Ryan Detrick, mit den Worten: „Investoren hatten während der letzten zehn Jahre masochistischen Schmerz zu ertragen, sofern sie im Mai aus dem Markt ausstiegen oder auch nur auf eine Defensivstrategie umschalteten.“
Ein kurzes Comeback als Einzelereignis?
Allerdings könnte gerade heuer die, bereits als abgedroschen wahrgenommene Sell-in-May-Börsenregel aber noch einmal greifen. Jim Carroll, Portfoliomanager des Finanzdienstleisters Ballast Rock Private Wealth aus Carolina, wies gegenüber Reuters auf die aktuelle Sondersituation 2026 hin: „Wenn Anleger an die alte Börsenregel glauben, dann könnten sie 2026 einmal recht behalten.“ Dies würde aber weniger die Auferstehung einer Grundsatztheorie bedeuten. Vielmehr spricht für ein Abbröckeln der Notizen die aktuell stark überkaufte Lage an den Aktienmärkten, womit die Chancen auf eine nochmalige Bewahrheitung der Phrase gut stehen.
Dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von:
| Jetzt 4 Wochen gratis testen |
Hinweis
Die Wiener Börse AG verweist ausdrücklich darauf, dass die angeführten Informationen, Berechnungen und Charts auf Werten aus der Vergangenheit beruhen, aus denen keine Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung oder Wertbeständigkeit gezogen werden können. Im Wertpapiergeschäft sind Kursschwankungen und Kapitalverluste möglich. Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und stellt keine Finanzanalyse oder Anlageempfehlung der Wiener Börse AG dar.

