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Börsen-Kurier: Blase nicht in Sicht

Tibor Pásztory | Börsen-Kurier

Schoellerbank-Analyse zu neuen Risiken: Geopolitik und Schulden.

Eine außergewöhnlich spannende Analyse möglicher Szenarien auf den Finanzmärkten lieferten Schoellerbank-CEO Helmut Siegler und Jörg Moshuber, Investmentvorstand Schoellerbank Invest, im kleinen Rahmen.

Jede Vorschau beginnt mit einem Rückblick. Aktien schlugen sich 2025 meist wacker bis sehr gut, und Gold schlug alles. Was dabei immer wieder untergeht: Aktien und Anleihen entwickelten sich stärker als es die Prognosen vorausgesagt hatten. Währungsbereinigt wurde dieser Trend allerdings etwas durch den starken Euro relativiert. Welche Schlüsse lassen sich daraus für 2026 ziehen?

Geopolitik – der neue Imperialismus?

Im Global Peace Index 2025 scheinen kaum mehr Staaten als „very high“ auf. Selbst die immer noch als „high“ eingestuften Staaten Europas, Kanada, Australien und eine Reihe anderer sind mittlerweile in die eine oder andere Form eines Konflikts involviert. Einen interessanten Vergleich zogen die Vortragenden dabei zwischen den Konflikten um Venezuela und Grönland. Während die Märkte auf ersteren - dieser beinhaltete immerhin die Entführung und Kasernierung eines Staatsoberhauptes - auf gut Wienerisch kein Ohrwaschl rührten, würde eine US-Attacke auf Grönland die Nato in Bedeutungslosigkeit oder gar zur Auflösung führen. Dies würde die Märkte sicher treffen, so Moshuber. Einiges Echo erfährt die Diagnose der Schoellerbank, US-Präsident Donald Trump wolle Liebling der Wall Street sein. Sein Verhalten gegenüber der Fed passt da aber nicht dazu. Liebe lässt sich eben nicht erzwingen ...

Hohe Staatsverschuldungen

Österreich leidet an zunehmender Staatsverschuldung. Aber das sei nichts gegen die USA, wo die Menschen (und Märkte) den regelmäßigen Shutdown (Haushaltssperre) des Staates bereits achselzuckend als Gewohnheit anerkennen, meint Siegler. Auch Japans traditionelle Spitzeninflationswerte scheinen niemand ernstlich aufzuregen. Der Vorschlag der neuen Ministerpräsidentin Sanae Takaichi, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel abzuschaffen, wird hier auch nicht hilfreich sein und hat die Märkte eher beunruhigt. Warnend stellt Moshuber fest: Die hohen Staatsverschuldungen sowie steuersenkende Maßnahmen wie Trumps „Big Beautiful Bill“ lassen das Vertrauen in die Währungen schmelzen. Ein Einbruch bei den US-Treasuries sei jedoch (noch) nicht festzustellen.

„Keine KI-Blase!“

Auch auf die vielzitierte KI-Blase ging Moshuber ein, allerdings nicht ohne Emotionen: „Wenn ich das lese, bekomme ich eine Gänsehaut!“ Exponentiell wachsende Unternehmensgewinne werde es wohl nicht mehr geben, aber bei KI würde viel zu wenig differenziert. Hier gäbe es vier unterschiedliche Tätigkeitsbereiche: AI-Chips & Halbleiter (Beispiel Nvidia), Cloud & Hyperscaler (Microsoft, Amazon, Alphabet), AI-Server und Infrastruktur (Schneider Electric, Dell) sowie Large Language Models (Meta, Alphabet). Bei Letzteren seien die meisten Anbieter nicht einmal börsennotiert! Irgendwann müssen diese ins Verdienen kommen. Kurz gesagt: Jedes Unternehmen müsse einzeln bewertet werden. Zweistelliges Wachstum sei bei KI auch 2026 möglich, doch kämen nun auch andere Branchen in den Fokus der Investoren, und das sei gut so. Und noch etwas Positives stellt er fest: Der Einkaufsmanagerindex, der den Marktentwicklungen immer voraus ist, sieht die europäischen Märkte wieder positiver. Eine Diversifikation der Assetklassen sei aber 2026 unerlässlich.

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