Christian Sec | Börsen-Kurier
Ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis macht noch keine günstige Aktie.
Es gibt verschiedene Verfahren, um zu ermitteln, ob eine Aktie „billig“ oder „teuer“ bewertet ist. Gerade für Privatanleger ist die wohl einfachste Methode, den Aktienkurs dem Buchwert (Eigenkapital) gegenüberzustellen. Ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von unter eins würde bedeuten, dass ein Unternehmen günstiger gehandelt wird als sein Buchwert – was oft als Unterbewertung interpretiert wird. Denn gerät ein Unternehmen in die Insolvenz, zeigt der Buchwert (nach Abzug nicht realisierbarer Posten), was theoretisch nach dem Verkauf aller Vermögenswerte für die Aktionäre übrigbleibt.
Bei der OMV liegt das KBV unter eins, auch beim Stahlerzeuger Voestalpine liegt es knapp unter diesem Schwellenwert. Tatsächlich liegt das durchschnittliche Kursziel der Analysten (laut Marketscreener) für die Voest-Aktie rund 15 % über dem aktuellen Kurs. Auch die OMV sollte der Analystenmeinung zufolge um rund 12 % zulegen.
Fallbeispiel AT&S
Wer jedoch glaubt, die prognostizierten Kurssteigerungen lägen am günstigen Verhältnis von Marktkapitalisierung und Eigenkapital, der könnte irren. Der Leiterplattenhersteller AT&S wird mit ungefähr dem Siebenfachen des Buchwerts bewertet – und dennoch geht die durchschnittliche Analystenmeinung davon aus, dass der Kurs weiter steigen wird.
Und auch beim Maschinenbauer Andritz beträgt die Marktkapitalisierung etwa das Dreifache des Buchwerts, dennoch spricht die Mehrheit der Analysten eine Kaufempfehlung aus.
Geringe Bedeutung
Dass Analysten dem Buchwert für ihre Kursziele offenbar kaum Bedeutung beimessen, hat mehrere Gründe: Wichtige Werttreiber wie Markenrechte, Patente oder Know-how schlagen sich im traditionellen Buchwert kaum nieder. Ein weiterer Grund für die begrenzte Aussagekraft der Kennzahl ist, dass das KBV lediglich den gegenwärtigen Zustand beschreibt, nicht jedoch die zukünftige Geschäftsentwicklung.
Bei Industrieunternehmen sind beispielsweise Kennzahlen wie Book-to-Bill (Verhältnis von Auftragseingängen zu Umsatz) oft wichtiger, um künftige Umsätze besser abschätzen zu können, wie die Erste Asset Management in einem früheren Statement erklärte.
Relevanz bei Bawag
In Kombination mit anderen Kennzahlen – etwa Renditekennzahlen – kann der Buchwert dennoch relevant sein. Nehmen wir das Beispiel der Bawag. Das KBV liegt bei dem Finanzinstitut bei rund 3 – ein sehr hoher Wert für die Branche. Der durchschnittliche Analystenzielpreis laut Marketscreener liegt etwa auf dem aktuellen Kursniveau. Dabei hebt der Finanzanalyst ODDO insbesondere die erwartete Eigenkapitalrendite von 27,6 % im Jahr 2028 hervor, die die hohe Bewertung der Aktie rechtfertigen soll.
Auch die Entwicklung von einem Aktienkurs unter dem Buchwert hin zu einem KBV von über eins ist noch kein Beleg dafür, dass eine Aktie zu teuer geworden ist. So lag das KBV der Erste Group 2022 und 2023 noch unter diesem Schwellenwert. Derzeit liegt die Marktkapitalisierung jedoch deutlich darüber. Für 2026 wird sogar mit einem KBV von über 1,7 gerechnet. Die durchschnittliche Analystenmeinung stützt diese Bewertung allerdings.
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