"IPO Spotlight" – gemeinsam mit Trending Topics sprechen wir mit Expertinnen und Experten aus Österreich und Deutschland über den Weg von Unternehmen und Scale-ups an die Börse.
Börsenreif ist sie längst, an der Börse ist sie noch nicht: Die oekostrom AG hat nach Angaben ihres CEO Ulrich Streibl praktisch alle Voraussetzungen für ein Listing erfüllt, ihre Aktien wechseln aber weiterhin über eine firmeneigene Handelsplattform den Besitzer. Das 1999 aus der Anti-Atom-Bewegung entstandene Unternehmen betreibt mehr als 40 Kraftwerke in Österreich, Deutschland, Tschechien und der Slowakei, beliefert über 100.000 Kundinnen und Kunden und gehört rund 3.100 Aktionärinnen und Aktionären.
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Eigener Handelsplatz als „Vorstufe zur Börse“
Gehandelt wird die Aktie bislang über eine eigene Plattform, die laut Streibl „im Grundsatz eigentlich wie eine Börse“ funktioniert, „nur ist er tatsächlich ein bisschen handgestrickter“. Kauf- und Verkaufswünsche werden dort angezeigt, auf Knopfdruck wird ein Kaufvertrag erstellt. Für Aktionärinnen und Aktionäre fallen dabei keine Kosten an, ein Depot ist nicht nötig. Der Nachteil: Die Abwicklung ist weniger automatisiert als an einer Börse, Verträge müssen unterschrieben und Ansprechpersonen kontaktiert werden.
„Ich würde sagen, wir sind so in der Vorstufe zur Börse“, sagt Streibl. Die Frage eines Listings sei bereits 2019 im Aktionariat diskutiert worden und habe „sehr hohe Zustimmung“ bekommen. Anschließend habe man das Unternehmen börsenfit gemacht und ein Börsengang wäre jederzeit möglich. „ Es gibt sicherlich noch immer ein paar Nachschärfungen zu tun, aber wir könnten das relativ schnell tun.“
Dass es bisher nicht dazu kam, begründet der CEO mit fehlendem Bedarf: Das Kapital sei über die Innenfinanzierung und die klassischen Kapitalerhöhungen ausreichend hereingekommen. Zwei der drei bisherigen Runden gingen fast ausschließlich an Bestandsaktionärinnen und -aktionäre.
Börse als Kapitalquelle und Qualitätssiegel
Mit dem nächsten Wachstumsschritt dürfte sich das ändern. Die oekostrom AG will sich in den kommenden zehn Jahren mindestens verdoppeln. Streibl rechnet mit weiteren 150 Megawatt zu rund 2 Millionen Euro pro Megawatt, also etwa 300 Millionen Euro Investitionsvolumen.
„Davon 20, 30 Prozent Eigenkapital. Dann reden wir über 50, 60, 70 Millionen Eigenkapital. Das können wir auf dem Weg, wie wir es bisher gemacht haben, wahrscheinlich nicht mehr holen. Da ist dann die Börse der richtige Weg.“
Neben dem breiteren Zugang zu Kapital nennt Streibl ein zweites Argument:
„Ich bin ein großer Börsenfan. Nicht nur, weil die Kapitalaufnahme natürlich einfach ist, sondern weil die Börse zu Compliance zwingt. Die Börse ist auch ein Siegel für Compliance.“ Die Regeln halte man zwar schon heute ein, „aber wir haben diesen Nachweis nicht“.
Bereit für den Kapitalmarkt
Technisch sieht Streibl das Unternehmen weitgehend vorbereitet. Für die Kapitalerhöhung wurde ein von der Finanzmarktaufsicht FMA gebilligter Kapitalmarktprospekt erstellt, begleitet von Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern. Die oekostrom AG veröffentlicht Geschäftsberichte, meldet Directors‘ Dealings und prüft intern bei jeder Transaktion, ob sie als börsennotiertes Unternehmen ad-hoc-pflichtig wäre. „Das machen wir sozusagen als Trockenübung“, sagt Streibl.
Offen ist vor allem die Größe.
„Ich glaube, dass wir an der unteren Grenze dessen sind, was es braucht, um an der Börse zu sein“, sagt der CEO. Eine Börse verlange viel ab, Reporting-Pflichten seien „scharf gestellt“ und verursachten Kosten. „Wenn wir noch ein bisschen größer wären, wäre es mir wahrscheinlich lieber.“
Nach der kommenden Wachstumswelle könnte der richtige Zeitpunkt erreicht sein.
Liquidität braucht Sichtbarkeit
Als Handelsplatz liegt für das österreichische Unternehmen Wien nahe. Seine Erwartungen formuliert Streibl aus Sicht der Anlegerinnen und Anleger, im Zentrum steht die Liquidität. Mit rund 3.100 handelsbereiten Aktionärinnen und Aktionären bringe die oekostrom AG hier eine gute Ausgangslage mit.
Neben einem Listing ist für Streibl auch die Unterstützung ein wichtiger Faktor: Die Wiener Börse müsse helfen, das Unternehmen bekannter zu machen und neue Investorinnen und Investoren anzusprechen, „und das tut die Börse ja auch“.
Starten würde die oekostrom AG vermutlich im Einstiegssegment, dem direct market plus. Den Sprung in den Leitindex will Streibl dennoch nicht ausschließen:
„Wenn schon Börse, dann darf man auch groß denken.“ Im ATX seien zwar Unternehmen, „die sind ein bisschen größer als wir“, das würde „schon ein paar Jahre dauern“. Aber: „Ich glaube, den Traum muss man dann auch träumen.“
An der Börse in fünf Jahren?
Wo sieht Streibl das Unternehmen in fünf Jahren?
„Hoffentlich noch größer und noch ertragsstärker und trotzdem so sympathisch, wie sie ist.“ Mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei die oekostrom AG „noch ein bisschen Familie“, diesen Charakter wolle er erhalten.
Und die Aktie?
„Ich würde uns durchaus an der Börse sehen in fünf Jahren.“

