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Neue EU-Strategie für Privatanleger

Julia Kistner | Börsen-Kurier

Kommission will Anlegertum in den Mitgliedsstaaten fördern.

„Man hat endlich einmal mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der Finanzbildung, begonnen“, freut sich Florian Beckermann, Vorstand des Anlegerschutzverbands IVA über die neue Initiative der EU-Kommission für mehr Privatanlegertum im gemeinsamen Europa. Mit der „Retail investment strategy for Europe“ habe man offensichtlich auf oberster Ebene erkannt, dass die private Pensionsvorsorge dringend gestärkt werden muss, um die EU-Bürger vor Altersarmut zu schützen. Um Kleinanleger stärker an den Kapitalmärkten zu beteiligen, brauche es aber natürlich neben der besseren Finanzbildung ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Dieses soll nach Rücksprache mit der Politik und Experten in den Mitgliedsländern jetzt geschnürt und in der ersten Jahreshälfte 2022 präsentiert werden. Die EU-Kommission will damit den Sparbuchbesitzern das erforderliche Maß an Vertrauen und Sicherheit sowie das notwendige Rüstzeug mitgeben, damit sie besser verzinste Sparformen verstehen und in sie investieren. 

Mit dem Vorstoß geht man ans „Eingemachte“, denn man spricht heikle Themen an, wie die Reform von MiFID II, Provisionsberatung, die Geeignetheitsprüfung oder auch den Vormarsch digitaler Finanzdienstleister

Noch bis Juli können Politik, Behörden und Interessensverbände ihre Vorschläge vorlegen. Eine Stellungnahme würde man gerade finalisieren, berichtet FMA-Sprecher Klaus Grubelnik gegenüber dem Börsen-Kurier. Auch die Wirtschaftskammer Österreich wird sich im Rahmen der Konsultation intensiv einbringen, bekräftigt Franz Rudorfer, der Geschäftsführer der Sparte Banken und Versicherungen. Bei der Wirtschaftskammer begrüßt man, dass auch die EU-Kommission erkannt hat, dass sich einige ihrer verordneten Rechtsvorschriften, etwa MiFID II und PRIIPs, überschneiden oder gar widersprechen und man die Richtlinien überarbeiten und besser aufeinander abstimmen möchte. Schon im Juli, so die Erwartungen der Finanzbranche, könnte die neue EU-Finanzmarktkommissarin Maired McGuiness die ersten Reformvorschläge für MiFID II präsentieren. 

Die EU-Strategie für Privatanleger will auch stärker als bisher die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung von Finanzdienstleistungen berücksichtigen. So kann man beispielsweise derzeit bei einem Online-Broker so ziemlich alle Finanzprodukte kaufen. Ein Finanzdienstleister darf selbst routinierten Börsenexperten unter seinen Kunden oftmals gewisse Assets nicht verkaufen. 
Die EU-Kommission will mit ihrer Privatanleger-Initiative auch eine bessere Vergleichbarkeit von Finanzprodukten über die Grenzen hinaus schaffen. Ein EU-weiter Angebotsvergleich ist derzeit aufgrund unterschiedlicher Rechtsvorschriften und verschiedener Veröffentlichungspflichten sehr schwer möglich. 

Es wird auch laut darüber nachgedacht, wie man die Provisionsberatung neben der Honorarberatung als einen Zugang zu einer fairen Beratung beibehalten kann. Ein weiteres großes Thema ist, wie auch im ganzen EU-Aktionsplan, wie man Nachhaltigkeit noch besser in den Anlageprozess integrieren kann.

Neben der EU-Anlegeroffensive gibt es gesonderte Maßnahmen auf Länderebene. Österreich gedenkt Unternehmensinvestitionen durch eine fiktive Eigenkapital-Verzinsung zu fördern und erneut eine steuerbegünstigte Behaltefrist von Wertpapieren einzuführen. Im Gespräch sind eine KESt-Befreiung von Wertpapiererträgen für die Altersvorsorge bei einer Behaltedauer von drei Jahren.

 

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