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Börsen-Kurier: Fed und EZB im Spannungsfeld des Iran-Kriegs

Michael Kordovsky | Börsen-Kurier

Notenbanken im Griff des Nahost-Konflikts – Zinswende unter Beschuss.

Der Iran-Krieg wirkt wie ein exogener Schock auf die Geldpolitik. Steigende Energiepreise treiben die Inflation, während Unsicherheit und höhere Kosten das Wachstum dämpfen. Seit Jahresbeginn ist der Ölpreis der Sorte Brent bereits um rund 77 % gestiegen (Stichtag: 25. März). Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die US-Notenbank reagieren mit einer Mischung aus Abwarten und vorsichtiger Neubewertung ihrer Prognosen.

EZB: Risiken steigen, Wachstum wird schwächer 

Die EZB hat am 19. März zum sechsten Mal in Folge alle drei Leitzinsen unverändert belassen. Maßgeblich bleibt der Einlagenzins als Steuerungsinstrument, das aktuell noch bei 2,0 % liegt. Laut Präsidentin Christine Lagarde erhöht der Krieg im Nahen Osten die Unsicherheit erheblich und bringt Aufwärtsrisiken für die Inflation sowie Abwärtsrisiken für das Wachstum mit sich.

Aktuelle Daten spiegeln die neue Lage erst teilweise wider: Im Februar lag die Inflation noch bei 1,9 %, die Kerninflation blieb stabil nahe dem Zielwert von 2 %. Doch der Energiepreisschock wird die Teuerung kurzfristig über diese Marke treiben. Besonders relevant sind mögliche Zweitrundeneffekte über Löhne und Preise. Die Revisionen der EZB-Volkswirte fallen deutlich aus: Für 2026 wurde die Wachstumsprognose von 1,2 auf 0,9 % gesenkt, während die Inflation von 1,9 auf 2,6 % angehoben wurde. Auch für 2027 und 2028 wurden die Inflationsprognosen auf 2,0 bzw. 2,1 % nach oben angepasst. Gleichzeitig wurden die Wachstumserwartungen für 2027 leicht reduziert.

Die Finanzmärkte reagieren bereits: Der 3-Monats-Euribor stieg zwischen 26. Februar und 20. März von 2,013 auf 2,111 %. Die Forward Rates im 3-Monats-Euribor signalisieren bis Ende 2026 zwei Zinserhöhungen mit einer ersten möglichen Anhebung bereits vor der Sommerpause (per 9. März: Forward Rate für den 11. Juni 2026 von 2,23 %). Auch aus Sicht von Marktteilnehmern bleibt der nächste Zinsschritt eher eine Erhöhung als eine Senkung.

Fed: Stabiler Kurs trotz höherer Inflation

Die US-Notenbank beließ den Leitzins am 18. März in der Spanne von 3,50 bis 3,75 %. Die Entscheidung fiel mit elf zu eins, wobei lediglich Stephen Miran, Berater des Weißen Hauses, für eine Senkung um 25 Basispunkte votierte. Die Fed sieht die wirtschaftliche Aktivität weiterhin auf solidem Niveau, während der Arbeitsmarkt stabil bleibt. Gleichzeitig bleibt die Inflation „etwas erhöht“. Der Iran-Krieg erhöht die Unsicherheit deutlich, insbesondere durch steigende Ölpreise und Störungen zentraler Handelsrouten wie der Straße von Hormus.

Die Projektionen der Fed zeigen eine bemerkenswerte Kombination: Für 2026 wurden sowohl Wirtschaftswachstum als auch Inflationsprognosen nach oben revidiert. Die Entscheidungsträger der Fed schraubten ihre PCE-Inflationserwartungen (Teuerung der persönlichen Konsumausgaben) gegenüber Dezember von 2,4 % auf 2,7 % nach oben und das BIP-Wachstum von 2,3 auf 2,4 %. Für 2027 rechnet die Fed mit einem Wachstum von 2,3 statt zuvor 2,0 %. Die Inflationsprognose für 2027 wurde von 2,1 auf 2,2 % erhöht.

Fed-Chef Jerome Powell betonte, dass die langfristigen Inflationserwartungen weiterhin stabil und mit dem Zwei-Prozent-Ziel vereinbar seien. Gleichzeitig verwies er auf die geldpolitische Praxis, temporäre Energiepreisschocks tendenziell „durchzuschauen“ (zu ignorieren, solange sie sich nicht verfestigen), sofern die Erwartungen verankert bleiben. Der Fokus liege derzeit stärker auf strukturellen Faktoren wie zollbedingter Güterinflation. Kurzfristig dürfte die Inflation durch steigende Energiepreise zwar anziehen, über Dauer und Stärke der Effekte bestehe jedoch hohe Unsicherheit.

Ausblick: Zwischen Inflationsdruck und Wachstumssorgen 

Die Notenbanken stehen vor einem klassischen Dilemma: Der Iran-Krieg wirkt inflationstreibend, während die Konjunktur gleichzeitig belastet wird. Damit ist die Ära der Zinssenkungshoffnungen abrupt beendet. Für die EZB deutet die Datenlage derzeit auf eine restriktive Verschiebung hin. Mit einer für 2026 deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel liegenden Inflation und steigenden Geldmarktsätzen – der 3-Monats-Euribor hat bereits zugelegt – rückt eine erste Zinserhöhung, möglicherweise schon am 11. Juni, in greifbare Nähe. Die Märkte preisen bis Ende 2026 bereits zwei Anhebungen ein.

Die US-Notenbank hingegen bleibt vorerst im Wartemodus. Allerdings bewegt sich die Fed laut Powell bereits am oberen Ende des neutralen Zinsniveaus. Gleichzeitig sorgt die Kombination aus robuster US-Konjunktur und steigenden Ölpreisen für Skepsis an den Märkten. Das CME-FedWatch-Tool preist daher bis weit ins Jahr 2027 hinein weitgehend unveränderte Leitzinsen ein. Eine Lockerung ist damit zwar nicht ausgeschlossen, dürfte sich aber deutlich verzögern.

Was das für Anleger bedeutet

Damit divergieren die geldpolitischen Pfade leicht: Während die EZB zunehmend in Richtung restriktiverer Politik tendiert, setzt die Fed grundsätzlich weiterhin auf eine mittelfristige Lockerung – allerdings nur unter der Voraussetzung stabiler Inflationserwartungen. Anleger müssen sich darauf einstellen, dass die Zinsen länger hoch bleiben oder im Euroraum sogar wieder steigen. Entscheidend wird sein, ob sich die aktuellen Energiepreisschocks als temporär erweisen oder über Zweitrundeneffekte in breitere und dauerhaft höhere Preissteigerungen übergehen.

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