Autor: Michael Kordovsky | Börsen-Kurier
Ein sehr starker El Niño erhöht die Risiken für Agrarpreise und Inflation.
Der unter anderem Mais, Sojabohnen, Weizen und Kaffee enthaltende Bloomberg Agriculture Subindex lag Mitte August bereits über 16 % im Plus seit Jahresbeginn. Das ist die Marktreaktion auf Hitzewellen und Dürren. Auf der anderen Seite hat sich die Teuerung unverarbeiteter Lebensmittel im HVPI der Eurozone sogar von 4,6 % im April auf 2,4 % im Juli gemäßigt. Somit kann von einer neuen globalen Nahrungsmittelkrise noch keine Rede sein.
Doch das Wetterrisiko steigt deutlich. Die US-Klimabehörde NOAA stufte das Phänomen El Niño zuletzt als sich verstärkend ein. Für Herbst und Winter 2026/27 sieht sie eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 % für ein sehr starkes Ereignis. Für Oktober bis Dezember beträgt die Wahrscheinlichkeit sogar 69 %, dass dessen Stärke frühere El-Niño-Ereignisse seit 1950 übertrifft. Zur Erklärung: Als El Niño bezeichnet man das Auftreten ungewöhnlicher, nicht zyklischer Veränderungen der Meeresströmungen im ozeanografisch-meteorologischen System des äquatorialen Pazifiks. Das Phänomen tritt in unregelmäßigen Abständen von durchschnittlich vier Jahren auf.
Sehr starkes Ereignis
Der aktuelle El Niño verändert Niederschlags- und Temperaturmuster regional sehr unterschiedlich. Nach Analysen der Welternährungsorganisation FAO steigt das Dürrerisiko unter anderem in Teilen Südafrikas und Mittelamerikas sowie von Pakistan und Indien bis nach Südostasien.
Besonders relevant für die Weltmärkte sind Reis und Mais in Asien. Mehr als 80 % der Dürreauswirkungen auf die Landwirtschaft dürften Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen treffen. Historische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Folgen keineswegs überall negativ sind. Eine bereits ältere, in Nature Communications veröffentlichte globale Analyse ergab in El-Niño-Jahren bei Mais, Reis und Weizen je nach Berechnung Veränderungen der globalen Durchschnittserträge zwischen -4,3 % und +0,8 %, während die Erträge von Sojabohnen wahrscheinlich sogar um 2,1 bis 5,4 % höher ausfallen.
Ernten im Risikokorridor
Ein flächendeckender Ernteschock ist bislang nicht eingetreten. Die FAO erwartete Anfang Juli für 2026 mit 2,983 Mrd. t noch die zweithöchste globale Getreideernte überhaupt. Dies läge allerdings 1,9 % unter dem Rekord von 2025. Die globale Weizenernte wurde mit 806,5 Mio. t um 4,3 % unter dem Vorjahresniveau veranschlagt. Bei Reis lag der erwartete Rückgang bei 1,8 %. Gleichzeitig gibt es erhebliche regionale Schäden: Das US-Landwirtschaftsministerium senkte im August seine Prognose für die EU-Maisernte im Wirtschaftsjahr 2026/27 auf 50,2 Mio. t. Das entspricht einem Rückgang um rund 12 % gegenüber dem Vorjahr und dem niedrigsten Stand seit 2007/08. Ausschlaggebend waren vor allem Hitze und Trockenheit in wichtigen europäischen Anbaugebieten. Und in Brasilien sollte laut USDA-Schätzung 2026/27 die Weizenernte bereits 28 % unter dem Fünf-Jahres-Schnitt liegen.
Auch die Märkte beginnen Risiken einzupreisen. Der FAO-Nahrungsmittelpreisindex stieg im Juli um 0,6 % gegenüber Juni und lag 1,0 % über dem Vorjahr. Getreide verteuerte sich im Monatsvergleich um 3,4 %, Zucker um 5,6 %. Bei Zucker verwies die FAO ausdrücklich auf Sorgen über Hitze und Trockenheit in der EU und El-Niño-bedingte Produktionsrisiken in wichtigen asiatischen Erzeugerländern.
Vom Feld zum HVPI
Wie stark sich dies in der Verbraucherpreisinflation niederschlägt, hängt von der Übertragung auf die Endverbraucherpreise ab. Eine EZB-Analyse der Nahrungsmittelinflation 2022/23 zeigt die Preiskette: Internationale Agrarrohstoffpreise wirken auf die Erzeugerpreise ab Hof. Diese werden zusätzlich von Energie- und Düngemittelkosten beeinflusst. Hinzu kommen inländische Faktoren wie die Lohn- und Gewinnentwicklung in der Lebensmittelproduktion sowie auf den Vertriebs- und Einzelhandelsstufen. Von dort wird der Kostendruck teilweise an die Verbraucher weitergegeben. Allerdings kann die Gemeinsame Agrarpolitik der EU die Übertragung internationaler Agrarpreisschwankungen auf die Verbraucherpreise über Subventionen teilweise abfedern, wie die Zentralbank festhält.
Historische EZB-Schätzungen der El-Niño-Folgen für die globalen Nahrungsmittelrohstoffpreise liefern folgende Orientierungsgrößen: Werden die Entwicklungen des globalen Konjunkturzyklus sowie Düngemittel- und Energiepreise berücksichtigt, könnte ein Anstieg der Meeresoberflächentemperaturen, der einem starken El Niño entspricht, die globalen Nahrungsmittelrohstoffpreise bis zu zwei Jahre lang erhöhen. Der stärkste Preiseffekt würde demnach 16 Monate nach Beginn eines starken El Niño auftreten und bei 9 % liegen. Besonders ausgeprägt sind die Aufwärtsrisiken bei Soja, Mais und Reis. Für den Euroraum ist der direkte Inflationseffekt deutlich kleiner als der Rohstoffpreisschub. Im HVPI 2026 hat die breite Eurostat-Komponente „Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak“ ein Gewicht von 18,94 %, davon entfallen 5,14 % auf unverarbeitete Nahrungsmittel. Die Gesamtkomponente verteuerte sich im Juli 2026 lediglich um 1,2 % (verglichen mit 3,2 % im Juli 2025).
Einschätzung
Eine neue Welle der Nahrungsmittelinflation ist durchaus möglich. Aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Die FAO erwartet zum Saisonende 2027 globale Getreidebestände von knapp 960 Mio. t; das Verhältnis von Beständen zu Verbrauch liegt bei komfortablen 32 %. Viel wird davon abhängen, ob der sehr starke El Niño gleichzeitig mehrere große Exportregionen trifft. Dann können lokale Ernteausfälle über Weltmarktpreise, Futtermittel und Verarbeitungskosten bis in Europas Supermarktregale durchschlagen.
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