Michael Kordovsky | Börsen-Kurier
Wenn hohe Staatsschulden Renditen und Börsen unter Druck setzen.
Selbst bei sinkenden Leitzinsen können langfristige Kapitalmarktrenditen steigen. Anleger verlangen angesichts hoher Defizite, wachsender Schulden und größerer Anleiheauktionen höhere Risikoaufschläge. Kehren die „Bond-Wächter“ zurück, geraten nicht nur Finanzminister unter Druck. Als „Bond-Wächter“ (im Englischen Bond Vigilantes) bezeichnet man Investoren am Anleihemarkt, die durch den massiven Verkauf von Staatsanleihen Druck auf Regierungen ausüben, eine solide Haushaltspolitik zu betreiben.
Schuldenlast wächst
Moody’s entzog den USA am 16. Mai 2025 die letzte Top-Bonität und senkte das langfristige Emittenten- sowie Senior-Unsecured-Rating von Aaa auf Aa1. Der Ausblick wurde von negativ auf stabil verbessert. Unter der Annahme, dass die Steuersenkungen verlängert werden, erwartete die Agentur bis 2035 einen Anstieg des Defizits von 6,4 auf fast 9 % des BIP. Die Bundesschuld sollte von 98 auf rund 134 % des BIP steigen, während der Anteil der Zinszahlungen an den Staatseinnahmen von 18 auf etwa 30 % zunehmen sollte.
Auch die jüngere Projektion des Congressional Budget Office bleibt alarmierend: Für 2026 wird ein Defizit von 1,9 BioUSD oder 5,8 % des BIP erwartet. Bis 2036 soll es auf 3,1 BioUSD (umgerechnet rund 2,7 BioE) beziehungsweise 6,7 % des BIP wachsen. Die vom Publikum gehaltene Bundesschuld sollte von 2026 bis 2036 von 101 auf 120 % des BIP steigen.
Anleihemärkte unter Druck
Auf der Nachfrageseite hilft wieder die Fed. Ihr Bestand an US-Staatsanleihen stieg von Ende 2025 bis 22. Juli 2026 um rund 284 MrdUSD auf 4,51 BioUSD. Dabei handelt es sich aber um Käufe zur Reservesteuerung und nicht um klassisches Quantitative Easing. Zugleich kann der Nato-Beschluss, bis 2035 jährlich 5 % des BIP für Verteidigung und sicherheitsnahe Bereiche vorzusehen, den Anleihenemissionsdruck vieler Staaten erhöhen.
Zinsen treffen Bewertungen
In den vergangenen sechs Monaten stieg die Rendite zweijähriger US-Treasuries um rund 75 Basispunkte auf 4,32 %. Bei 20-jährigen US-Staatsanleihen fiel der Anstieg mit rund 36 Basispunkten auf 5,16 % deutlich geringer aus. Im selben Zeitraum erhöhte sich die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen um knapp 27 Basispunkte auf 3,14 %. Besonders hoch rentierten britische Staatsanleihen: Bei 30-jähriger Laufzeit erreichte die Rendite bereits 5,70 %. Der höchste Punkt der italienischen Zinskurve lag im Vergleich dazu knapp einen Prozentpunkt tiefer (Quelle: WorldGovernmentBonds.com, Stand: 27. Juli).
Steigende Langfristzinsen drücken besonders auf Vermögenswerte mit langer Duration. Bei hoch bewerteten Wachstumsaktien sinkt der Barwert künftiger Gewinne. Kapitalintensive Branchen wie Versorger, Fluglinien oder Stahlproduzenten müssen höhere Finanzierungskosten verkraften. Gewerbeimmobilien leiden doppelt: Höhere Diskontierungszinssätze drücken auf Bewertungen, teure Anschlussfinanzierungen erschweren die Bedienung bestehender Kredite. Bei Gewerbeimmobilien können höhere Laufzeitprämien, steigende Kapitalisierungssätze und geringere Transaktionsvolumina sowohl die Werte drücken als auch Refinanzierungen erschweren.
Gewinner und Verlierer
Banken profitieren zunächst von höheren Zinsmargen und einer steileren Kurve. Der Vorteil hält aber nur, solange Kreditqualität und Einlagenbasis stabil bleiben. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich können höhere Zinsen das Nettozinsergebnis verbessern, zugleich jedoch Kreditausfälle und Risikovorsorge erhöhen. Lebensversicherer können längerfristig von höheren Wiederanlagerenditen profitieren, da Prämieneinnahmen, Kuponerträge und fällige Anleihen zu höheren Zinsen wieder angelegt werden können. Dieser Vorteil baut sich allerdings nur allmählich auf und wird durch erhöhte Stornorisiken begrenzt. Geldmarktanlagen, Kurzläufer und Floating-Rate Notes profitieren von höheren Wiederanlageerträgen, solange es zu keinen Ausfällen kommt.
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Die höchsten Staatsschuldenquoten im Euroraum
| Griechenland: | 143,5 % |
| Italien: | 138,9 % |
| Frankreich: | 117,6 % |
| Belgien: | 109,1 % |
| Spanien: | 101,6 % |
Quelle: Eurostat
Warnmarken
Eine feste Schmerzgrenze existiert nicht. Für den Aktienmarkt wäre jedoch ein nachhaltiger Anstieg der zehnjährigen US-Rendite über 5 % ein ernstes Warnsignal. In Frankreich rückt die 4-%-Marke in den Fokus. Bei zehnjährigen italienischen Staatsanleihen beginnt der kritische Bereich etwa bei 4,50 bis 4,75 %. Entscheidend sind auch der Verlauf der Zinskurve, Auktionsergebnisse und politische Handlungsfähigkeit.
Sollten sich die Finanzierungsbedingungen einzelner Euroländer ungeordnet und ohne fundamentale Rechtfertigung verschlechtern, kann die EZB das 2022 beschlossene Kriseninstrument TPI (Transmission Protection Instrument bzw. Transmissionsschutz-Instrument) aktivieren. Es erlaubt der EZB den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt, um eine einheitliche Geldpolitik im Euroraum zu sichern. Die Anleihekäufe setzen aber unter anderem tragfähige Staatsfinanzen sowie eine solide Fiskal- und Wirtschaftspolitik voraus. Kritische Anleger können als Bond-Wächter die Regierungen disziplinieren, während Notenbanken an der Zinsfront intervenieren können. Doch das langfristige Zinsrisiko vollständig ausschalten können auch sie nicht.
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