Raja Korinek, Rudolf Preyer | Börsen-Kurier
Die Weltkonjunktur schwächt sich ab, die Zinsen dürften sinken. Wo es für Anleger Chancen gibt.
„2024 wird ein gutes Jahr werden“, erklärte CEO Heinz Bednar eingangs auf der letztwöchigen Pressekonferenz der Erste Asset Management (EAM). Der Rückgang der Inflation schreite voran, auch wenn die Teuerung nächstes Jahr wegen der Lohnabschlüsse noch nicht die Zielgröße der Notenbanken von 2 % erreichen werde. Allerdings: Diese „makellose Disinflation“ (spürbare Verringerung des Inflationstempos, Anm.) sei aktuell in einer Verlangsamung begriffen - auf den „letzten Metern“ werde es eben „zäher“ werden.
Erste Zinssenkungen erwartet die EAM später als andere Beobachter: Seitens der Fed im Juni 2024. Die EZB sollte dann etwa ein Monat später nachziehen. Über das „weitere Jahr 2024“ werde es dann „weniger Zinssenkungen“ geben, prognostiziert Bednar.
Die Vorsicht teilt auch Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management. Im Rahmen seines Wirtschaftsausblicks 2024 - der Börsen-Kurier war dabei - verwies Paolini zudem auf den aktuellen Marktkonsens, der 2024 mit Senkungen von gut 1 bis 1,5 %-Punkten rechnet. „Solch eine Größenordnung halte ich für zu optimistisch, die Schritte dürften kleiner ausfallen.“
Weltkonjunktur schwächt sich ab
Die Konjunktur werde sich trotz Ende der geldpolitischen Straffung dennoch verhalten entwickeln. Das globale Wirtschaftswachstum dürfte im kommenden Jahr laut Pictet AM bei 2,3 % liegen, somit leicht unter den Prognosen für heuer. In den USA könnte die Wirtschaft sogar kräftig schrumpfen, das Wachstum bei mageren 0,9 % liegen. Mit einer Rezession rechnet Paolini, wie auch Gerold Permoser, CIO der EAM, jedoch nicht. Vielmehr steuere das Land Permoser zufolge auf ein „Soft Landing“ zu.
Doch was steckt hinter der Prognose? Paolini verweist auf die Sparquoten der privaten Haushalte. Sie sind während der Corona-Pandemie gestiegen und kurbelten den Konsum nach dem Ende der Lockdowns kräftig an. „Allmählich sind die überschüssigen Ersparnisse aber aufgebraucht, weshalb sich der Konsum im kommenden Jahr verlangsamen dürfte“, konstatiert Paolini. Er meint, dass auch die Investitions- sowie die Staatsausgaben sinken dürften. „Das Umfeld in den USA trübt sich ein.“
Eurozone stabilisiert sich
Diesseits des Atlantiks erwartet der Pictet-Experte eine leichte Stabilisierung, wie er sagt. Allein in der Eurozone dürfte die Wirtschaft mit einem erwarteten Plus von 0,7 % leicht stärker wachsen als im laufenden Jahr. Da werden 0,5 % erwartet. Auch bei der EAM ist man insgesamt optimistisch, wenn auch die „Wirtschaftslokomotive Deutschland“ derzeit kranke und den Kontinent „herunterzieht“, so Permoser. Er meint, bei europäischen Konsumenten sei post-Corona „einiges Geld“ vorhanden, da die Europäer weniger als die Amerikaner ausgegeben haben.
Die Entwicklungen in den Schwellenländern sollten ebenso gut im Auge behalten werden. Das sogenannte „Reshoring“, bei dem etwa US-amerikanische Unternehmen ihre (Billig-)Lieferketten von Asien näher an die USA ansiedeln, dürfte anhalten. Permoser hebt in diesem Zusammenhang etwa Mexiko hervor. Dort lassen beispiels-weise US-Automobilunternehmen Komponenten sowie Batterien für die E-Mobilität herstellen.
Auch Vietnam profitiert von dem Reshoring-Trend, da viele internationale Konzerne einen Teil der Produktion aus China in jene Region verlagern, um die Abhängigkeit vom Reich der Mitte zu verringern. „Und in das für seine Call Centers bekannte Indien werden mittlerweile industrielle Jobs verlegt“, fügt der EAM-Profi hinzu. Freilich, das Wachstum dürfte in den Emerging Markets insgesamt wieder stärker als in den Industrienationen ausfallen. Bei Pictet AM rechnet man im kommenden Jahr mit einem Plus von 3,9 %. China traut man sogar ein Wachstum von 4,8 % zu, wenn auch Paolini zufolge das Land noch jede Menge Probleme, so etwa die Krise am Immobiliensektor, zu bewältigen habe.
Weiteres Potenzial bei Aktien erkannt
Die Experten haben auch einen Blick auf die Märkte geworfen, an denen vor allem Titel aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) zugelegt haben. Permoser lässt sich von dem jüngsten Aufschwung nicht irritieren. Er meint, trotz gestiegener Kurse seien Aktien per se nicht teuer. Abseits des Technologiesektors hätten andere Sektoren schließlich erst begonnen aufzuholen.
Bei Pictet AM mahnt man aber auch, die Entwicklungen bei den Unternehmensgewinnen genau zu beobachten. „Sie wurden zuletzt laufend nach unten revidiert. Es könnten weitere negative Überraschungen drohen“, konstatiert Paolini. Sein Haus rechnet 2024 mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum beim „MSCI All Country World Index“ von durchschnittlich 4 %, damit weit weniger als die Marktschätzungen, die gut 10 % betragen.
Auch das Thema Nachhaltigkeit sollte nicht außen vorgelassen werden. Permoser meint, dass risikobewusste Anleger auf einen Turnaround der heuer arg gebeutelten Umweltaktien setzen können. Viele solcher Firmen, so zum Beispiel aus der Windkraft- oder Solarbranche, sind noch jung und benötigen eine Menge Fremdkapital für weiteres Wachstum. Dieses hatte sich angesichts der gestiegenen Zinsen stark verteuert, wie aber auch viele Komponenten angesichts höherer Rohstoffpreise und teils noch immer unterbrochener Lieferketten.
Zinswende als Kursstütze
Den Bondmärkten räumen die Experten ebenfalls gute Kurschancen im kommenden Jahr ein. Die Zinssenkungen dürften dabei frischen Schwung in die Anlageklasse bringen. Denn in solch einem Umfeld gewinnen bestehende Anleihen an Wert, da sie höher verzinst sind als jene Papiere, die erst nach den Senkungen begeben werden.
Zudem sind die Bewertungen in einigen Segmenten besonders attraktiv. Paolini hebt etwa den Markt für US-Unternehmensanleihen aus dem Investment-Grade-Bereich hervor: „Hier übertrifft erstmals seit 2002 die Rendite im Schnitt wieder die Gewinnrendite des S&P 500.“
Zur Berechnung der Gewinnrendite wird das Verhältnis von Gewinn je Aktie zum aktuellen Aktienkurs herangezogen. Auch an Emerging-Market-Anleihen findet Paolini Gefallen. Sie bieten teils immer noch eine durchaus höhere Rendite. US-Zinssenkungen verbilligen zudem die Dollarschulden solcher Länder.
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