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Der Einzelhandel auf Talfahrt

Michael Kordovsky | Börsen-Kurier

In den USA und Europa steht der stationäre Handel massiv unter Druck

Der private Konsum machte in der EU von März 1995 bis Dezember 2019 im Schnitt 55,3 % der Wirtschaftsleistung aus. In den USA sind es sogar rund zwei Drittel. Ein wesentlicher Indikator des privaten Konsums ist der Einzelhandel. Der stationäre Einzelhandel ist durch die Seuchenbekämpfungsmaßnahmen der Regierungen lahmgelegt, während der Online-Handel aufgrund der Verlagerung wichtiger Einkäufe ins Internet noch auf Jahresbasis zweistellig wächst und der Lebensmitteleinzelhandel in unseren Breiten noch von den Hamsterkäufen profitiert.

Konkrete Zahlen

Von Feber auf März 2020 brach das Absatzvolumen des Einzelhandels im Euroraum um 11,2 % und in der EU um 10,4 % ein. Hingegen verzeichnete der Bereich „Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren“ ein Plus von jeweils 5,0 bzw. 4,7 %, während in der EU die Sparte „Textilien, Bekleidung und Schuhe“ einen Einbruch von 40 % erlitt. Das zeigt schon die Stärke des Nachfrageeinbruchs von einem Monat auf den nächsten.

Hamsterkäufe in Europa stützen Einzelhandel

Doch wie sieht die Entwicklung auf Jahresbasis aus? Hier schrumpfte in der EU das Absatzvolumen gegenüber März 2019 um 8,2 % und im Euroraum um 9,2 %. Hingegen klar auf der Gewinnerseite standen Lebensmitteleinzelhändler: Die Produktgruppe „Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren“ verzeichnete im Euroraum und der EU Zuwächse von jeweils 8,3 bzw. 8,1 %. Im Vormonat waren es bereits je 3,7 bzw. 3,6 %. Hier haben die Hamsterkäufe bereits ihre Spuren hinterlassen, was den gesamten Handel noch etwas stützt. Hingegen um fast 42 % brach in der EU der Bereich „Textilien, Bekleidung und Schuhe ein“, bei „Elektrische Geräte und Möbel“ sowie „Datenverarbeitungsgeräte, Bücher u.a.“ gab es Rückgänge um jeweils rund 14 %, während der Tankstellenabsatz um ein Fünftel zurückging. Indessen boomte der Onlinehandel mit einem Plus von 11,9 % in der EU, was in einem Umfeld unterbrochener Lieferketten zu längeren Auslieferzeiten für nicht überlebenswichtige Produkte führte. Wirft man einen Blick auf die einzelnen Länder, dann traf es unter jenen, die bereits Daten für März veröffentlichten auf Jahresbasis Frankreich mit einem Minus von 16,0 % (Vormonat noch +1,2 %) am härtesten, gefolgt von Slowenien (-15,1 %), Bulgarien (-14,6 %), Spanien (-13,1 %), Luxemburg (-12,7%) und Österreich (-12,4 %, strenge Regeln in der Seuchenbekämpfung).

Rückgang auf breiter Front

Im April waren die USA so richtig an der Reihe. Gegenüber dem Vormonat brachen im April die Einzelhandelsumsätze dort um 16,4 % ein. Analysten rechneten mit einem Minus von 12 %. Im März lag die Schrumpfung bei 8,4 %. Interessant ist, dass es diesmal einen Rückgang auf breiter Front gab. Der Kernumsätze des Einzelhandels ohne Auto und Erdgas schrumpften in den Monaten März und April auf Monatsbasis um jeweils 2,8 bzw. 16,2 %. Während der Absatz der wichtigsten Warengruppen in zweistelliger Größenordnung schrumpfte, konnten im April die Online-Umsätze um 8,4 % steigen. Die stärksten Rückgänge erlitten Bekleidungsgeschäfte mit -78,8 %, Elektronikläden mit -60,6 % und Möbelhäuser mit -58,7 %. Selbst die Lebensmittelmärkte erlitten 13,2 % Umsatzrückgang. Offensichtlich fokussiert sich der Konsum in den USA nur noch auf das Lebensnotwendige - eine Situation, die im Zusammenhang mit insgesamt 36,5 Mio neuen Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung infolge der Corona-Krise Erinnerungen an die 30er-Jahre wecken.

Fazit

Die Konsumeinbrüche in den USA und Europa gewinnen an Dynamik und mittlerweile sind selbst Quartale mit zweistelliger Schrumpfung der Wirtschaftsleistung nicht mehr auszuschließen.

 

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