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wiiw warnt: Notleidende Kredite in Osteuropa können langsam anwachsen

10.09.2020, 13:02:00

Momentan ist Ausgangslage für heimische Banken besser als 2008 - Erholung in CEE wohl erst in zweiter Hälfte 2021 - Pflegeheime und Agrarsektor abhängig von Beschäftigten aus dem Ausland

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) warnt vor einem langsamen Ansteigen notleidender Kredite in Osteuropa. Zwar sei die Ausgangslage wegen der in den meisten Ländern eingeführten Zahlungsaufschübe momentan besser als zur Zeit der Finanzkrise 2008/09. Man müsse sich aber ansehen, ob die Kredite nächstes, übernächstes Jahr tatsächlich zurückgezahlt werden können.

Wenn sich die Liquiditätsprobleme der Kreditnehmer etwa durch Jobverlust verfestigten, könnten deren Kredite notleidend werden, sagte wiiw-Ökonomin Julia Grübler am Donnerstag bei einem Online-Pressegespräch. Das träfe die österreichischen Banken hart, denn sie sind besonders stark in den Ländern Ost- und Südosteuropas investiert.

Der Blick auf die Finanzkrise zeige, dass sich notleidende Kredite über Jahre hinweg aufbauen können. In sieben Ländern der Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa sei der Anteil der notleidenden Kredite im Jahr 2009 oder 2010 auf Höchstwerte gestiegen, in den GUS-Ländern und in den Westbalkanstaaten hingegen erst 2013. In Kroatien und Ungarn sei der Anteil von unter fünf auf mehr als 17 Prozent geschnellt, in Rumänien von unter drei auf knapp 22 Prozent im Jahr 2013, so das wiiw in seiner neuen Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise.

In Österreich sei die Quote der notleidenden Kredite im ersten Quartal 2020 mit 1,7 Prozent noch sehr niedrig gewesen, in Tschechien und der Slowakei sei sie bei 2,4 bzw. 2,8 Prozent gelegen. Im bisherigen Jahresverlauf halte sich die Verschlechterung in Grenzen. "Mit einem Anstieg von 0,3 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahresende sind Russland (Daten für Juli) und Rumänien (Daten für Juni) am stärksten betroffen", so das wiiw. In Ungarn sei die Quote im ersten Quartal auf 4,2 Prozent angewachsen, ein Plus von 0,2 Prozentpunkten gegenüber Dezember 2019.

Was den Banken jetzt im Gegensatz zur Finanzkrise zugutekomme: die höheren Eigenkapitalquoten und neue vorausschauendere Risikoabschätzungsverfahren (IFRS9). Zudem gebe es keinen so starken Kreditboom und der Anteil der problematischen Fremdwährungskredite sei kleiner geworden.

Was die wirtschaftliche Erholung der ost- und südosteuropäischen Länder betrifft, ist das wiiw etwas pessimistischer als andere Institutionen. Wegen der großen Unsicherheit, etwa, ob bald ein Impfstoff kommt und sich die Menschen tatsächlich impfen lassen, gehe man erst für die zweite Jahreshälfte 2021 von einer starken Erholung aus, sagte wiiw-Ökonom Richard Grieveson.

Eine zweite Coronawelle würden viele Haushalte und Unternehmen in der Region nicht mehr so einfach überstehen, sagte Grübler. Die erste Welle habe Osteuropa noch wesentlich besser verkraftet als Westeuropa. Die momentanen Krankheitsfälle pro Tag deuten nach Ansicht der Ökonomin auf eine zweite Welle hin. In Kroatien, Albanien und Bosnien sei die Fallzahl in der ersten Septemberwoche sechsmal höher gewesen als im April.

Die zum Beispiel von der EU-Kommission empfohlene Rückverlagerung der Produktion von Asien nach Europa könnte Osteuropa zugutekommen, meinten die wiiw-Experten. Wenn Österreich zum Beispiel mehr in die Ausbildung von Pflegekräften investieren würde, würde das die Bedeutung Osteuropas dagegen verringern.

Momentan ist die Abhängigkeit Österreichs von Arbeitskräften aus der Region Ost- und Südosteuropa enorm groß. In der heimischen Landwirtschaft waren von März bis Mai 2020 laut wiiw im Schnitt mehr als 60 Prozent der unselbstständig Beschäftigten, etwa Erntehelfer, aus dem Ausland, davon der überwiegende Teil aus Ost- und Südosteuropa. In der Nahrungs- und Futtermittelherstellung lag der Ausländeranteil den Berechnungen zufolge bei einem Drittel, im Transportbereich bei 30 Prozent.

Das österreichische Gesundheitswesen käme ohne Menschen aus dem Osten ebenfalls nicht aus: in den Pflege-, Alten- und Behindertenheimen stammte laut wiiw fast ein Viertel der unselbstständig Beschäftigten - mehr als 10.600 Menschen - aus dem Ausland und in den Krankenhäusern 14 Prozent (mehr als 7.600 Menschen). Die meist selbstständig tätigen 24-Stunden-Pflegerinnen sind da noch nicht inkludiert.

(GRAFIK 1039-20, 88 x 78 mm) (Schluss) snu/ivn

 ISIN   
 WEB   http://www.wiiw.ac.at/


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Quelle: APA, Meldungen der letzten 4 Wochen