Hinweis: Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service anbieten zu können. Mehr erfahren Schließen

APA News

Hohe Arbeitslosigkeit am Westbalkan sinkt nur langsam

04.04.2017, 14:35:00

Studie von WIIW und Weltbank: Hohe Jugendarbeitslosigkeit, sehr geringe Frauenbeschäftigung, viel Schwarzarbeit

Am Westbalkan ist die hohe Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren nur sehr langsam gesunken. In den sechs Ländern der Region - Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Albanien, Kosovo - sank die Arbeitslosenquote vom Jahr 2010 auf 2016 im Schnitt von 23 auf 21 Prozent. Die Arbeitsmarkttrends am Westbalkan haben Hermine Vidovic vom WIIW und Johannes Köttl von der Weltbank untersucht.

Die Arbeitsmärkte in den sechs Ländern am Westbalkan sind durch niedrige Erwerbsquoten, insbesondere bei Frauen und Jugendlichen, sowie durch hohe und lang anhaltende Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Dazu kommt ein niedriges Wirtschaftswachstum und eine im Schnitt leicht schrumpfende Bevölkerung.

Das Weltbankbüro in Wien hat in Zusammenarbeit mit dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Finanzen (BMF) das Forschungs- und Netzwerkprojekt SEE Jobs Gateway aufgestellt, mit dem Ziel einer Analyse der Arbeitsmärkte. Die erste gemeinsame Studie "Western Balkan Labor Market Trends 2017" wurde am Dienstag in Wien präsentiert. Darin werden die Arbeitsmärkte in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien analysiert und die wichtigsten Entwicklungen und Trends mit ausgewählten EU-Ländern, darunter Österreich, verglichen. Die Ergebnisse werden in einer öffentlich zugänglichen Datenbank im Internet unter http://SEEJobsGateway.net abrufbar gemacht.

In allen sechs Ländern zusammen stieg die Zahl der Beschäftigten in den Jahren 2010 bis 2016 von 5,5 auf 5,8 Millionen. Insgesamt leben in diesen sechs Staaten rund 18,3 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenrate lag 2016 in Serbien bei 17,1 Prozent und damit am niedrigsten in der Region. "Es gibt einen vorsichtigen Aufholprozess, aber es muss mehr passieren", meint Köttl. Mit der erfolgreichen Transformation der mittel- und osteuropäischen Länder könne man den Westbalkan nicht vergleichen. Südosteuropa habe durch Krieg gelitten und der Reformprozess sei durch die Finanzkrise noch einmal zurückgeworfen worden. Das Wirtschaftswachstum am Westbalkan war in den Jahren nach der Finanzkrise nicht sehr hoch, die ausländischen Investitionen sind nur langsam gekommen.

Auf die niedrige Frauenbeschäftigung in den sechs Westbalkan-Ländern verweist WIIW-Expertin Vidovic: Die Beschäftigungsquoten der Frauen liegen weit unter denen in EU-Ländern. Im Kosovo etwa liegt die Beschäftigungsquote der Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahren unter 20 Prozent, jene der Männer bei etwa 60 Prozent. Nach dem Kosovo hat Bosnien-Herzegowina den zweithöchsten Unterschied zwischen Männer- und Frauenbeschäftigung. Weniger ausgeprägt ist der Unterschied in Serbien. Verantwortlich für die geringe Teilnahme von Frauen am Arbeitsleben sieht Vidovic mehrere Ursachen: Neben dem traditionellen Rollenbild seien es auch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten und geringes Jobangebot.

So wie in den meisten Ländern - auch in Österreich - ist die Jugendarbeitslosigkeit am Westbalkan deutlich höher als die allgemeine Arbeitslosigkeit. Im Schnitt aller sechs Länder liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 48 Prozent. Im Kosovo ist sie mit 60 Prozent am höchsten. Die Gefahr hoher und andauernder Jugendarbeitslosigkeit liege darin, dass die junge Generation den Einstieg in den Arbeitsmarkt ganz verpasse und negative gesellschaftliche Effekte drohen, erläutert Köttl.

Sehr hoch ist am Westbalkan auch der Anteil des sogenannten informellen Sektors, sprich der Schwarzarbeit. Dadurch entfällt für den Einzelnen die soziale Absicherung durch Sozialversicherung und der Staat verliert Steuern, mit denen er etwa das Ausbildungssystem verbessern könnte, gibt Vidovic zu bedenken. Zwar sei Schwarzarbeit gegenüber Nichtstun immer noch produktiver, die Frage sei aber immer ob dadurch nicht ein offizieller Job verloren gehe.

Die Weltbank hat für den Westbalkan einige Reformvorschläge parat: Eine Senkung der hohen Besteuerung auf Arbeit könnte den Arbeitsmarkt ankurbeln, meint Köttl. Das Anreizsystem stimme oft nicht, daher sei es gerade im Niedriglohnsektor schwierig, eine formelle Arbeit zu finden, weil man dann auch Steuern zahlen müsse. Weiters solle die Schwarzarbeit bekämpft und die Frauenbeschäftigung gesteigert werden.

Um bei den Reformen weiterzumachen haben die betroffenen Länder die EU-Perspektive, meint Vidovic. Hilfreich für die Beibehaltung der Reformwilligkeit wäre allerdings ein konkreter Zeitplan mit Zielen für die Annäherung an die Europäische Union.

(Schluss) gru/ivn

 ISIN   
 WEB   http://www.wiiw.ac.at/
       http://www.worldbank.org/


Weitere News

Zur News-Übersicht


Disclaimer

Die Wiener Börse übernimmt keine Garantie für die Richtigkeit der Daten.
© 2017 Wiener Börse AG
Quelle: APA, Meldungen der letzten 4 Wochen