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Hygiene Austria - Lenzing zieht Manager ab, Palmers überrascht

08.03.2021, 16:29:00

Schwere Vorwürfe gegen Joint-Venture-Partner Palmers im Maskenskandal: Kein Zugang zu Unterlagen, Aufklärung nicht möglich - Palmers von dem Schritt überrascht

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AKTUALISIERUNGS-HINWEIS
Neu: Statement von Palmers (zweiter und dritter Absatz), Kritik von
SPÖ-Leichtfried (vorletzter Absatz)
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Bei der Hygiene Austria, einem Joint Venture
von Palmers und Lenzing, ist es jetzt wegen des Maskenskandals zum
offenen Bruch zwischen den beiden Eigentümern gekommen. Der
börsennotierte Faserhersteller Lenzing hat heute bekanntgegeben,
seine beiden Geschäftsführer zurückzuziehen bzw. abzuberufen. Als
Grund wird genannt, dass man keinen vollständigen Zugang zu
wichtigen Unterlagen erhalten habe. Palmers zeigt sich von dem
Schritt des Partners überrascht.
"Zu keiner Zeit hat Palmers die Aufklärung der Untersuchung
behindert oder Unterlagen zurückgehalten", hießt es in einem
Palmers-Statement vom Montag. Die Unterlagen seien im Rahmen der
Hausdurchsuchung am 2. März den Behörden übergeben worden. Darüber
hinaus seien alle Unterlagen immer auch den von Lenzing gestellten
Geschäftsführern vorgelegen, "da immer nur beide Geschäftsführer
wirksam für Hygiene Austria LP GmbH zeichnen konnten".
Allerdings hätten Lenzing und Palmers vergangenes Wochenende über
eine Übernahme der Lenzing-Anteile an der Hygiene Austria durch
Palmers verhandelt. Die Verhandlungen seien derzeit noch nicht
abgeschlossen, heißt es vom Unternehmen. Dem verbleibenden Hygiene
Austria-Chef Tino Wieser sei es ein Anliegen "sämtliche Vorwürfe
hinsichtlich der behaupteten Mängel" aufzuklären.
Lenzing hatte am Nachmittag per Aussendung erklärt, dass mit
sofortiger Wirkung die Nominierung von Stephan Sielaff als
Geschäftsführer der Hygiene Austria zurückgezogen und Stephan
Trubrich als Geschäftsführer abberufen werde. Ein ehest bald von
Lenzing zu bestimmender Wirtschaftstreuhänder werde mit der
Verwaltung der Lenzing-Anteile an Hygiene Austria betraut. Im
Vorstand der Lenzing AG werde künftig ausschließlich Sielaff für
alle Agenden betreffend der Beteiligung an der Hygiene Austria
zuständig sein.
Damit bleibt in der Geschäftsführung der Hygiene Austria nur noch
Tino Wieser, der auch dem Vorstand des
Hygiene-Austria-Minderheitseigentümers Palmers Textil AG angehört.
Sein Verwandtschaftsverhältnis zur Büroleiterin von Bundeskanzler
Sebastian Kurz (ÖVP), die mit seinem Bruder Palmers-Vorstand Luca
Wieser verheiratet ist, ist in den letzten Tagen im Zuge der
innenpolitischen Turbulenzen rund um den Maskenskandal thematisiert
worden. Die zur Aufarbeitung der Vorgänge notwendigen Unterlagen
befänden sich großteils in den Räumen von Palmers, zu denen Lenzing
"weder Zutritt noch Zugriff" bekommen habe, kritisiert Lenzing in
der Aussendung. Daher sei man außerstande, die operative
Geschäftsführung auszuüben.
"Trotz intensivstem Ressourceneinsatz seitens Lenzing war die
dringend erforderliche rasche Aufklärung mit belastbaren Resultaten
ebenso wenig möglich, wie die tatsächliche Ausübung der
Geschäftsführung. Lenzing sieht daher die Aufarbeitung der aktuellen
Vorwürfe bei den zuständigen Behörden. Dabei wird Lenzing nach
besten Kräften unterstützen", heißt es in der Lenzing-Aussendung von
Montagnachmittag.
Das Projekt Hygiene Austria sei von Lenzing mitgegründet worden,
um mit österreichischer Qualität einen wichtigen Beitrag zum Schutz
der Bevölkerung in der größten Pandemie der letzten hundert Jahre
leisten zu können, heißt es weiter in der Lenzing-Aussendung. "Das
Versprechen "Made in Austria" wurde offensichtlich nicht durchgehend
gewährleistet. Eine umfassende und schonungslose Aufklärung ist
daher unabdingbar."
SPÖ-Vizeklubvorsitzender Jörg Leichtfried äußerte Kritik: Die
Causa scheine sich "zu einem der größten Kriminal- und
Korruptionsfälle der jüngeren Wirtschaftsgeschichte zu entwickeln
und das im Umfeld von Sebastian Kurz." Ein österreichischer
Weltkonzern, die Lenzing AG, ziehe sich von einem Tag auf den
anderen zurück, weil sie offenbar befürchte, dass "politisch gewollt
Aufklärung verhindert werden soll", so Leichtfried in einer der APA
übermittelten Stellungnahme. Der Schaden für den Standort Österreich
sei bereits entstanden. "Angesichts der persönlichen Verbindungen
zwischen Kanzlerbüro und Hygiene Austria werden die Aussagen des
Kanzlers, er wusste von nichts, von Tag zu Tag unglaubwürdiger. Dass
die Regierung offenbar einem solchen Unternehmen auch am
Vergabegesetz vorbei einen Millionenauftrag zuschanzen wollte, ist
ein Skandal und muss restlos aufgeklärt werden!"
An der im Frühjahr 2020 zur Maskenproduktion gegründeten Hygiene
Austria hält die Lenzing AG 50,1 Prozent, die Palmers Textil AG 49,9
Prozent. Das in Wiener Neudorf (Bezirk Mödling) ansässige
Unternehmen hatte eingeräumt, dass ein Teil der als "Made in
Austria" vermarkteten Masken in China zugekauft wurde.
(Schluss) gru/sp/bel
 ISIN  AT0000644505
 WEB   http://www.lenzing.com
       http://www.palmers.at


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Quelle: APA, Meldungen der letzten 4 Wochen