Im Westen nichts Neues

Die Aktienmärkte haben in den letzten Monaten trotz einer Verschlechterung vieler makroökonomischer Indikatoren in führenden Industrieländern und eines negativen Gewinnrevisionstrends eine starke Rallye hingelegt. Die jüngsten Gewinne sind vor allem auf die Hoffnung weiterer geldpolitischer Maßnahmen in den USA und Europa begründet. Während der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB wertvolle Zeit für die Implementierung notwendiger Strukturreformen seitens der betroffenen Länder bringen kann, sind geldpolitischen Maßnahmen alleine jedoch keine ausreichende Lösung für die Ursachen der Krise.
Die aktuelle Aktienmarktrallye könnte durchaus weitergehen, sofern weitere geldpolitische Maßnahmen seitens wichtiger globaler Notenbanken implementiert werden. Kritisch ist jedoch zu sehen, dass die jüngsten Kursanstiege nicht durch steigende Unternehmensgewinne, sondern durch Ausweitung der Bewertungen gekennzeichnet waren. Weiters scheinen die Erwartungen der Investoren bezüglich weiterer geldpolitischer Maßnahmen aktuell schon sehr hoch und auch die Risikoaversion relativ niedrig zu sein, da der Volatilitätsindex VIX jüngst auf ein Mehrjahrestief gefallen ist. Daher erscheint aktuell das Risiko einer stärkeren Korrektur gestiegen zu sein, insbesondere wenn die Notenbanken den hohen Erwartungen nicht gerecht werden und/oder sich die globale Wirtschaft weiter abschwächt und der Gewinntrend sich weiter verschlechtert.
Die Entwicklung des österreichischen Aktienmarktes lag heuer im westeuropäischen Mittelfeld. Die Bewertung des ATX erscheint bei einem erwarteten KGV von rund 10x und KBV von rund 0,8x attraktiv. Allerdings glauben wir, dass negative Ereignisrisiken, wie zum Beispiel eine erneute Eskalation der europäischen Schuldenkrise, stark ausgeprägt sind, was die Risikoprämien für Aktien hoch und die Bewertung von Aktien am unteren Ende der historischen Bandbreite halten könnte. Zusätzlich sehen wir ein hohes Risiko weiterer negativer Gewinnrevisionen in den nächsten Monaten.
Im Spannungsfeld attraktiver Aktienbewertungen einerseits sowie hoher Unsicherheiten und zunehmender konjunktureller Risiken anderseits empfehlen wir eine defensive Portfolioausrichtung. Wir bevorzugen aktuell Aktien mit wenig konjunkturabhängigen Geschäftsmodellen, einer soliden Bilanzstruktur und hohen, nachhaltigen Dividendenrenditen.
Autor:
Mag. Thomas Neuhold, CFA
Leiter Aktienanalyse Österreich
Kepler Capital Markets
4. September 2012
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